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KW 43/2021

 Warum Polit-Talkshows Dramen sind und keine wirklichen Diskussionen zulassen: unsere unsägliche Schnipseldenkkultur

Eine besondere Art der Talk-Show

Jeder kennt sie und viele meiden sie. Dennoch sind sie aus der deutschen Medienlandschaft nicht wegzudenken. Gerade zu Krisenzeiten oder im Wahlkampf werden sie zuhauf gespielt: die Polit-Talkshows. Sendungen, bei denen sich Politikerinnen und Politiker – und laut dem NDR weitere privilegierte Bürgerinnen und Bürger – treffen und über aktuelle Themen diskutieren, Meinungen austauschen sowie über eventuell gemeinsame Wege sprechen. Zumindest in der Theorie. In den Talkshows sollen die Politik und gesellschaftsrelevante Themen dem breiten Publikum zugänglich und verständlich gemacht werden. Sinn ist wohl, den Menschen das Gefühl zu geben, ein Mitspracherecht zu haben, die Demokratie live mitzuerleben oder sich ein Bild von den Gästen zu machen. Gerade während Krisenperioden wie der Corona-Pandemie wurden aufgrund der Einschränkungen und Gesundheitsfragen immer wieder zusätzliche Shows ausgespielt, während der Wahlperiode wurden die Kanzlerkandidatinnen und Kandidaten zuhauf zur Rede gestellt. Jedoch stellt sich die Frage, ob Politik-Shows ihrem Anspruch gerecht werden oder sie mehr Schein als Sein sind.

Einfache Unterhaltung hinter der Maske des Anspruchs?

In den letzten Jahren wurden Polit-Talkshows zunehmend kritisiert. Das liegt an den unterschiedlichsten Faktoren. In der Studie „Die Talkshow-Gesellschaft“ wird beispielsweise bemängelt, dass verschiedene gesellschaftliche Bereiche und politische Ebenen in öffentlich-rechtlichen Talkshows unterrepräsentiert sind. Die Analyse der wichtigsten Polit-Talkshows der vergangenen Jahre zeige, dass 42,6 Prozent der eingeladenen Gäste parteipolitische Vertreter seien, weitere 22,9 Prozent seien Journalistinnen und Journalisten. Also stammen mehr als die Hälfte der Polit-Talkshow-Gäste aus dem Bereich der Parteien und der Medien. Damit sei zunächst keine ausreichende Vielfalt unter den Gästen gegeben, die mit verengter Meinungsvielfalt einhergehe. Weitere Vorwürfe sind unter anderem laut des Goethe-Instituts, dass populäre Themen gegenüber schwierigeren, aber möglicherweise gesellschaftlich wichtigeren bevorzugt werden. Die Talk-Shows würden praktisch als „Ersatzparlament“ genützt, in denen sich einige Politikerinnen und Politiker eher im Fernsehen als im Bundestag zeigten und der übertriebene Selbstdarstellungstrieb der Gäste eine fundierte Äußerung zum Diskussionsthema unmöglich mache. Somit wären auch Polit-Talkshows getrieben von Themen, die hohe Einschaltquoten bringen. Aber können sie dann noch ihrem Auftrag gerecht werden, einen inhaltlichen Mehrwert für die Zuschauenden zu bieten? Polit-Talkshows bieten somit eher eine Bühne der Unterhaltung als der Aufklärung und Diskussion.

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