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KW 15/2021

Wer geimpft ist, darf mehr: Ist das gerecht oder ungerecht?

Sei ein gerechter Mensch, sagt die Philosophie

Gerechtigkeit ist ein sehr alter Begriff. Er begründet sich im Griechischen, im Lateinischen oder auch im Französischen und Englischen. Von Anfang an war es eine Tugend, wie wir uns gerecht oder ungerecht verhalten, sowohl uns selbst gegenüber als auch gegenüber der Gemeinschaft. Besonders ist ein Grundton, der seit der Antike Bestand gehalten hat: Gerecht ist derjenige, der Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt. Seit Kant und der Aufklärung ist es kein Gott, der über uns steht und uns sagt, was gerecht ist. Kein Geist kann das. Es ist die Leitung der Vernunft. Der kategorische Imperativ von Kant besagt, dass alle ihr Handeln zum (gerechten) Gesetz aller machen könnten. Also auch auf die Summe der einzelnen gerechten Handlungen kommt es heutzutage an, wer dadurch eine gute, eine gerechte Gesellschaftsordnung erreichen will. So ist in den letzten Monaten von den Vereinten Nationen und etwa der Welthungerhilfe vor allem die Ungerechtigkeit beschrieben worden, dass nicht in allen Ländern gleich gut geimpft werden kann. Hier wäre die Öffnung des Patentschutzes oder die kostenlose Vertreibung der Impfstoffe durch die reichen an die armen Staaten wichtig. Stets spüren wir, wie ungerecht am Ende die Staatengemeinschaften gegenüber der Gleichbehandlung der Geimpften und Nicht-Geimpften aufgestellt sind.

Privileg oder altes Recht

Nun gibt es in Deutschland und anderen Ländern, die bereits eine höhere oder hohe Menge an Geimpften haben, die nächste Frage der Gerechtigkeit: Darf die Person, die geimpft ist, mehr tun als die, die nicht geimpft ist? Es stehen sich in dieser Frage zwei Lager gegenüber. Die einen sagen, dass es keine besonderen Vorteile für Geimpfte geben darf. Die Nicht-Geimpften würden diskriminiert, wenn sie nicht nach Griechenland fliegen oder Restaurants meiden müssten. Da nicht alle die gleiche Chance haben, geimpft zu werden, wäre es ungerecht, den anderen dieses Recht einzuräumen. Das andere Lager sieht die Hervorhebung von Rechten für Geimpfte nicht als die Erweiterung von Rechten. Im Gegenteil wären diese nur die ersten, die die alten Rechte wiederbekämen. Die Geimpften würden demnach nur schneller in die alten Rechtszustände versetzt, die automatisch dann alle bekämen, die Schritt für Schritt geimpft sind. Was ist also gerecht? Im Mindesten ist es das Gespräch mit sich selbst. Der Staat, die Kolleginnen und Kollegen und nicht einmal die Familie können bestimmen, was wir selbst fühlen und denken. So bleibt es mit der Gerechtigkeit wie von Anfang an in der Antike die Aufgabe eines jeden von uns zu entscheiden, was wir für gerecht und was wir für ungerecht halten. Mögen wir also die richtige Wahl für uns selbst und für die Gemeinschaft treffen.

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