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KW 06/2021

Wieso die Kundenbesessenheit etwas anderes ist als Dienstleistung: Warum Amazon uns gefangen hält

Der zweitgrößte Arbeitgeber in den USA baut um

Der Online-Händler Amazon schlägt ein neues Kapitel auf. Sein Gründer Jeff Bezos wird beim zweitgrößten Arbeitgeber der USA nicht mehr als Geschäftsführer auftreten. Ob das für 800.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine gute oder eine schlechte Nachricht ist, wird sich zeigen. Zum einen ist Bezos zu einem der reichsten Menschen der Welt geworden, und das in nur dreißig Jahren. Er hatte das Wort Kundenbesessenheit neu geprägt. Jede Entwicklung des Online-Händlers war danach bestimmt, den Kunden als König anzusehen. Vor allem, dass die Bestellung zum großen Teil nur einen Tag später an die Haustüre geliefert wird, begeistert damals wie heute die Kundschaft. Zum anderen hat Amazon als Arbeitgeber viele schlecht bezahlte und anstrengende Arbeitsplätze geschaffen. Es wird wieder und wieder berichtet, wie schwierig es ist, Betriebsräte zu gründen oder wertvollere Tarifverträge zu erhalten. So ist die alte Frage die neue: Leben glückliche Kunden davon, dass der Unternehmer an den Stellen der Mitarbeiterschaft und Dienstleister spart?

Der Kunde ist König, die Belegschaft noch lange nicht

Die Amazon.com, Inc. ist börsennotiert und bietet als Weltmarktführer die größte Auswahl von Büchern, CDs und Videos. Unter eigener Marke wird das Lesegerät Kindle und zum Beispiel das Spracherkennungssystem Echo vertrieben. Jede neue Entwicklung soll den Kunden gefallen und sie an Amazon binden. Dass das Amazon gelungen ist, ist keine Frage. Dass aber zugleich die Paketdienstfahrer nicht die besten Arbeitsplätze gefunden haben, ist auch wahr. Und dass Dienstleister zwar zum einen auf Amazon verkaufen können, zugleich ganz unter den Bedingungen des Online-Händlers, ist ebenfalls wahr. Es gibt Geschäftsführungen, die im klassischen Dreieck von Preis, Service und Qualität erfolgreich arbeiten und dazu ihr Unternehmen ganzseitig ansehen. Die Liste der arbeitgeberfreundlichen Unternehmen zeigt, dass nicht jeder Unternehmer das meiste aus der Mitarbeiterschaft nimmt, um den größtmöglichen Profit zu erwirtschaften. Wie wäre es mit einer Zweiteilung: solche, die in Frieden mit der Firma sein wollen und das Teilen von Gewinnen beibehalten, im Vergleich zu denen, die das Wohl der Mitarbeiterschaft eher kalt lässt. So bleibt wohl nur die Erkenntnis am Ende: Jedes Unternehmen wird von seiner Spitze begründet und geprägt. Es ist zu beobachten, wie sich Amazon weiterentwickelt. Ob in die eine oder andere Richtung: Nun ist der Weg frei, nach dem Rückzug von Bezos, vielleicht ein wirklich neues Kapitel aufzuschlagen.

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