PPR-NEWS

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KW 47/2018

Stau – Warum der Stress im Auto inzwischen sogar demokratiegefährdend ist: über eine besonders wachsende Wut in diesem Land

Im Schritttempo durch den Verkehr, auf hundertachtzig im Kopf

An die Stelle von Vogelgezwitscher tritt ein Chor aus Autohupen, statt eines Blätterraschelns ertönen rasselnde Motoren und Tierrufe werden durch Menschengebrüll ersetzt. Der Urwald und der Großstadtdschungel haben eines gemeinsam: den Lärm, hervorgerufen durch das tägliche Treiben. Durch den Urwald kann ein Mensch sich zur Not mit einer Machete seinen Weg bahnen, im Verkehr geht das – glücklicherweise – nicht so einfach. So gehören unausweichliche Staus zum Alltag. 2017 gab es davon deutschlandweit rund 723.000, so der ADAC. Das wären knapp 4.000 Kilometer lange Autoreihen jeden Tag. Insgesamt stehe der Verkehrsteilnehmer neun Prozent länger im Stau als im Vorjahr, führt der ADAC weiter aus. Grund dafür seien mehr Autos auf den Straßen und viele Baustellen. Gerade für Pendler sind tägliche Staus die Hölle, was sie natürlich wütend werden lässt. Eine einfache Kausalkette führt schnell zum Sündenbock: Warum ist gerade Stau? Es gibt (wieder) eine Baustelle. Wer hat das veranlasst? Vater Staat.

Und täglich flucht das Murmeltier

Es gibt aber noch weitere Gründe für den verstopften Verkehr. Die Hannoversche Allgemeine nennt hier die steigende Zahl der Lkws. Gegen die niedrigen Löhne und staatlichen Subventionen komme der Schienenverkehr nicht an. Wieder Vater Staat. Aber auch die Bürger tragen Mitschuld: Die vielen Online-Bestellungen müssen schließlich irgendwie vor der eigenen Haustür landen – am besten natürlich, so schnell es geht. Außerdem leben die Deutschen doch gerne in einem Sozialstaat mit allerlei Vorzügen und Sicherheiten – in einem wirtschaftlich starken Land, das eben viele Güter transportiert. Und wenn sich die Wut nicht gerade auf den Stau fokussiert, so sind es die vielen Schlaglöcher am Ende des Winters, die in den Fokus geraten. Deutschlands teils sehr alten Straßen brauchen immer wieder Reparaturen, das bleibt alternativlos. Sicherlich würde jedoch eine bessere Planung und weniger deutsche Bürokratie die Bauzeit verkürzen. Die Beratungsfirma »Porsche Consulting« konnte in einem Pilotprojekt bereits 2009 fast die Hälfte der Bauzeit einsparen, berichtet die Welt. Das Konzept setzte sich aber nicht durch. Manchmal steht man sich eben selbst im Weg.

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