PPR-NEWS

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KW 35/2018

Charakteridentifikation und parasoziale Interaktionen - warum wir so leicht eine Beziehung zu fiktionalen Medienfiguren aufbauen

Alltägliche Begegnung mit Mediencharakteren

Laut Veröffentlichung des internationalen Zentralinstitutes für Jugend- und Bildungsfernsehen nutzt die deutschsprachige Bevölkerung 179 Minuten pro Tag das Fernsehangebot. Die ARD/ZDF-Onlinestudie zeigt, dass auch Streamingdienste wie Netflix und Amazon Prime weiterhin Zuwachs verzeichnen können. Die Nutzungshäufigkeit stieg 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent. Bei diesen alltäglichen Aktivitäten begegnen uns jederzeit fiktive oder reale Mediencharaktere, mit denen wir in eine asymmetrische Kommunikation treten. Selbst wenn wir im Radio beiläufig einen Bericht über den CEO des Daimler-Konzerns hören, reagiert unser Sozialbedürfnis darauf. Abhängig von der Häufigkeit und Intensität dieser Begegnungen fängt der Mensch an, eine Beziehung zu Mediencharakteren aufzubauen. Laut dem deutschen Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann ist die Sozialisation als ein »Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt« anzusehen.

Parasoziale und reale, soziale Beziehungen

Aus dem Bedürfnis heraus, das eigene Selbst interpretieren und formen zu können, die Gesellschaft zu beobachten sowie sozial relevante Informationen zu erhalten, baut der Mensch Beziehungen auf. Diese können realer Natur sein, wie die Beziehung innerhalb der Familie, oder auch parasozialer Art, beispielsweise zu Mediencharakteren. Bei letzteren treten wir in eine asymmetrische Kommunikation mit einem fiktiven Charakter, der an Wichtigkeit für uns gewinnt. So fiebert der Zuschauer bei Filmen, Serien oder ähnlichem intensiv mit und leidet, wenn der Rolle etwas zustößt. Doch kann die parasoziale Interaktion die reelle Beziehung nicht ersetzen. Wissenschaftler vermuten, dass besonders vereinsamte Menschen intensivere parasoziale Beziehungen aufbauen, da sie sich nach einer sozialen Bindung sehnen, die ihnen im realen Leben zu fehlen scheint. Ferner besteht die Möglichkeit, dass Menschen ein unterschiedlich starkes Verlangen nach sozialen Interaktionen haben und diese auch in Mediencharakteren suchen. Parasoziale Interaktionen sind somit kein unnatürliches oder besorgniserregendes Phänomen, sondern ein menschlicher Reflex zur Selbsterhaltung. Im heutigen Alltag der immer stärker werdenden Medienpräsenz gewinnt dieser Umstand mehr und mehr an Relevanz, da auch der Mensch sich automatisch häufiger damit konfrontiert sieht.

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