PPR-NEWS

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KW 31/2018

Über die Kunst und Herausforderung des Aushaltens von unauflöslichen Spannungen: am Beispiel des Fußballers Mesut Özil

Spannungen als (un-)lösbarere Konflikte

Laut dem Mediziner, Biochemiker und Hormonforscher Hans Selye gibt es durchaus positiven Stress, je nachdem mit welcher Einstellung wir uns einem Problem nähern. Doch gehen wir eine Aufgabe oder eine Herausforderung mit einer negativen Haltung an, so verursacht das Spannungen in uns selbst. Aus psychologischer Sicht können Spannungen als widerstreitende Energien beschrieben werden, die zwar gelöst werden sollten, aber nicht zwangsläufig müssen. So kann das Aushalten dieser erlernt werden. Volker Hepp, Autor und Coach zum Thema Stresswahrnehmung und Selbstmanagement, merkt an, wir Menschen würden oftmals den sich ergebenen Konflikten entfliehen. Wir wählen entweder-oder anstatt es aushalten, beide Möglichkeiten für sich stehen zu lassen. Wobei es doch, wie Volker Hepp sagt, auch Situationen gibt, in denen es nichts zu entscheiden gibt. Bei denen wir stehen bleiben, aushalten und abwarten müssen, was geschieht. Der Philosoph Michael Bordt formulierte diese These wie folgt: »Seine eigenen Emotionen auszuhalten und zu betrachten, heißt Freiheit.«

Spannungsfeld Mesut Özil: Aushalten oder  Entscheidungen treffen?

Die Debatte rund um den deutschen Nationalspieler Mesut Özil, der sich mit dem Präsidenten Erdogan hat ablichten lassen und dafür viel Kritik hat einstecken müssen, ist derzeit in den Medien unumgänglich. Nach wochenlanger Diskussion und öffentlichem Abwägen des Für und Wider, gab Özil schließlich seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt. War sein Verhalten vertretbar oder nicht? Und viel wichtiger: Müssen wir das überhaupt diskutieren und dürfen wir darüber urteilen? Bei der Flut an Informationen über den Nationalspieler, die in letzter Zeit auf uns einprasselt, drängt sich die Frage auf: Inwiefern befeuert, beeinflusst oder löst die öffentliche Diskussion solche Spannung aus und wie sind sie auszuhalten? Diskurse in der Öffentlichkeit sind von uns als Einzelpersonen kaum zu beeinflussen, geschweige denn zu lösen. Wir sind gezwungen, diese zu beobachten und abzuwarten. Sowohl zeitlich als auch inhaltlich können wir ihnen kein Ende setzen. Wie Volker Hepp sagt, gibt es nicht immer ein Richtig oder Falsch, so sind wir den unauflöslichen Konflikten ausgesetzt, wie auch bei Mesut Özil. Vielleicht ist es auch in diesem Fall unmöglich, die Spannungen für alle Beteiligten befriedigend zu lösen.

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