PPR-NEWS

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KW 51/2017

Nudging: Wie wir im Alltag beeinflusst werden

Ein Stups in die richtige Richtung?

Nudging steht synonym für anregen, lenken und bezeichnet eine verhaltensökonomische Methode, bei welcher Menschen in ihren Entscheidungen beeinflusst werden, ohne dabei auf Ver- oder Gebote zurückzugreifen. Direkter Einfluss wird einzig auf die Rahmenbedingungen einer Entscheidung ausgeübt, auf die Art und Weise, wie sich verschiedene Handlungsoptionen präsentieren. Die sich entscheidende Person wählt dann in der Regel unbewusst die Option, die von vornherein erwünscht war – erwünscht von denjenigen, die die Rahmenbedingungen der Entscheidung im Vorfeld bewusst veränderten. Der amerikanische Verhaltensökonom Richard Thaler forscht in diesem Zusammenhang dazu, wie der Staat Menschen mit Nudging zu einem, seiner Ansicht nach, rationaleren Verhalten indirekt bewegen kann. Dafür erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Doch sein Konzept des libertären Paternalismus steht auch in der Kritik. Thaler geht von Individuen als irrational handelnde und willensschwache Wesen aus. Dass sich Menschen nicht stets für die richtige, gesündeste, am meisten erfolgversprechende Option entscheiden, ist unbestritten. Dass sie dies stets aus reiner Irrationalität heraus tun, ist jedoch umso streitbarer.

Die Frage ist: Ein Stups von wem, wohin?

Thaler geht davon aus, der Staat wisse, was gut und schlecht ist, und habe das Recht, Bürgerinnen und Bürger dahingehend zu beeinflussen. Mit dieser Art »Entscheidungshilfen« kann jedoch auch Schindluder getrieben werden, befürchten Kritiker. Bereits realisierte Nudging-Maßnahmen zeigen jedoch das Potenzial der Methode auf, insbesondere, was gesundes und umweltbewusstes Leben anbelangt: Eine Universität in New Jersey stellte ihre Standard-Druckeinstellungen von »einseitig« auf »doppelseitig« um. Den meisten Druckenden war es zu umständlich, diese Einstellungen rückgängig zu machen. So wurden in wenigen Jahren 55 Millionen Blatt Papier gespart, 4.650 Bäume geschont. Auf Straßen in Dänemark weisen grüne Fußabdrücke den Weg zum nächsten Mülleimer, woraufhin die Vermüllung der Straßen um 40 Prozent zurückging. In Deutschland kommen auf eine Million Einwohner gerade einmal zehn Organspender, in Österreich 25. Der Unterschied: Während man sich in Deutschland aktiv für eine Organspende entscheiden muss, sind in Österreich zunächst alle Menschen registriert und müssen im Zweifelsfall aktiv verweigern. So kann Nudging tatsächlich zu einer besseren Gesellschaft beitragen. Angela Merkel hat übrigens vor zwei Jahren selbst ein Nudging-Expertinnen-Team zusammengestellt, das sie beim »wirksamen Regieren« unterstützen soll.

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