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KW 42/2017

Von so vielen wird der Dritte Weltkrieg ausgerufen: Wie Entscheider in der weiten Welt diese Sprache und damit Wirklichkeit schaffen

Sprache bildet Wirklichkeit ab – und schafft sie zugleich

Sprache ist ein zentrales Instrument im Ringen um Deutungsmacht. In sämtlichen gesellschaftlichen Arenen findet ein Austragen dieses Ringens statt. Diejenigen, die es vermögen, innerhalb gesellschaftlicher Diskurse ihre Deutungen der Wirklichkeit darzulegen und durchzusetzen, erringen die Macht, maßgeblich am gesellschaftlichen Commonsense mitzuwirken. Denn Diskurse sind mehr als Aneinanderreihungen von Zeichen. Eine ihrer bedeutendsten Eigenschaften besteht darin, Realität zu erzeugen und zu strukturieren. Michel Foucault, der wohl einflussreichste Philosoph auf dem Gebiet der Diskursforschung, sprach sich dafür aus, Diskurse als »Praktiken zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen«. Stets würde durch Sprache mehr ausgedrückt als die schlichte Bezeichnung von Dingen. Dieses Mehr gilt es nach Foucault an das Licht zu bringen, eben aus dem Grund, da Sprache Wirklichkeit schaffe. Wenn Sprache die Wirklichkeit derart beeinflussen kann, was fangen wir damit an, dass so viele den Dritten Weltkrieg verbal in Aussicht stellen, ihn gar ausrufen?

Wie der Dritte Weltkrieg von Entscheidern kommuniziert wird

Seit Ende des Kalten Krieges wurde nicht mehr derart häufig und ausführlich über einen sich möglicherweise anbahnenden Dritten Weltkrieg gesprochen. In den Medien und damit im gesellschaftlichen Diskurs ist das Thema präsent – insbesondere die Twitter-Eskapaden des U.S.-amerikanischen Präsidenten gegenüber dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un werden nicht nur als schädigend für das ohnehin gereizte Verhältnis zwischen Washington und Pjöngjang gesehen. Bob Corker, selbst Republikaner und U.S.-Senator, befürchtet in der New York Times, der mächtigste Mann der Welt könne mit seinem rücksichtslosen Verhalten die USA an den Rand eines Dritten Weltkrieges bringen. Im Sommer reagierte der U.S.-Präsident auf eine Anfeindung Nordkoreas mit der Drohung, dem Diktator mit »Feuer und Wut« begegnen zu wollen. Sprachlich gesehen ähneln sich die beiden Regierungschefs jedenfalls in ihrem Ringen um Deutungsmacht. Welche Wirklichkeit schaffen die Entscheider damit? Die Äußerungen der kriegerischen Superlative eines nuklearen Krieges, gar eines Dritten Weltkrieges, zeugen von Ratlosigkeit ob der derart angespannten Situation, die sich zweifellos in Angst überträgt. Sie wird durch solche Statements transportiert, wo eine Deeskalation von Konflikten und die Hoffnung auf eine friedvollere Welt fast schon zunichte gemacht werden. Ohne Zweifel: Die Situation ist real angespannt. Doch wenn Sprache auch Wirklichkeit schafft, wäre eine konstruktive Kommunikation doch einen Versuch wert.

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