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KW 25/2017

Gesichtserkennung und der gläserne Mensch: Wie wir uns selbst zensieren, wenn wir uns beobachtet fühlen

Automatische Gesichtserkennung im Test

Was lange nach Science Fiction klang, doch von Datenschützern stets kritisiert wurde, könnte bald Realität in Deutschland werden. In Berlin soll die automatische Gesichtserkennung per Kamera getestet werden. Die Bundespolizei will die Technologie ab dem 1. August dieses Jahres sechs Monate lang am Bahnhof Südkreuz mithilfe freiwilliger Probanden testen. Wer nicht von den Kameras erfasst werden wolle, könne den Bereich umgehen, so die Bundespolizei. Die Kameras sollen nicht nur Gesichter erkennen, sondern auch »typische« Verhaltensweisen erfassen. Wie letztere genau aussehen, bleibt jedoch offen. Laut Innenminister Thomas de Maizière sollen die Systeme nach einem erfolgreichen Durchlauf in Berlin auch andernorts nicht nur an Bahnhöfen, sondern überall dort angebracht werden, wo derzeit bereits öffentliche Videokameras eingesetzt werden. Es soll in Zukunft möglich sein, beispielsweise Fotos von flüchtigen Terroristen in die Software einzuspielen, welche beim Auftauchen der fraglichen Person, sofort Alarm schlägt. Dadurch sollen Gefahrensituationen vermieden werden, bevor sie entstehen. Soweit so gut.

Sicherheit und Marketing versus persönliche Freiheit

Die breite Zustimmung zur totalen Überwachung ist in Zeiten gestiegener Terrorgefahr zumindest in Teilen nachvollziehbar. Gleichwohl sollte auch in diesem Zusammenhang die Einschränkung persönlicher Freiheitsrechte in Form von Privatsphäre nicht außer Acht gelassen werden. Solcherart Technologie wird nicht nur im Rahmen von Anti-Terror-Maßnahmen verwendet. Nun kann man natürlich sagen, die meisten Menschen teilen ihr Leben, Privates bereits in den Sozialen Medien, was macht es aus, wenn ihre Gesichter nun auch vom Staat beim Betreten der U-Bahn oder beim Einkauf im Supermarkt erfasst werden? Die Antwort ist: Einiges. Eine Überwachung, der sich Personen nicht entziehen können, schränkt ein und nicht darüber entscheiden zu können, welche persönlichen Informationen erfasst werden, ebenfalls. Wenn all jene Personen, die am Südkreuz nicht in die Testphase der neuen Kameras geraten möchten, dazu gezwungen sind, Umwege in Kauf zu nehmen, sind sie damit gezwungen, sich in ihrem alltäglichen Leben zu zensieren. Wenn Kundinnen und Kunden im Supermarkt beim Blick auf Werbebildschirme aufgenommen und ihre biometrischen Daten für Marketingzwecke ausgewertet werden, wird vielleicht ab und an der fünfte Schokoriegel nicht auch noch in den Einkaufskorb gepackt. Überwachung verursacht Selbstzensur. Spätestens dann denken auch Personen, die den technologischen Maßnahmen zu Gesichtserkennung aufgeschlossen gegenüber stehen, darüber nach, inwiefern die Überwachungstechnologien nicht nur Segen, sondern auch Fluch sind.

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