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KW 24/2017

Aufklärung war immer, Aufklärung war nie: Warum wir Menschen in diesen Jahren nicht genügend denken

Zum Denken benötigt es Zeit und Ruhe

Die wohl wichtigste Figur, die das Denken zum Thema hat, stammt vom französischen Bildhauer Auguste Rodin. Seine Plastik »Der Denker« (Le Penseur) aus dem 19. Jahrhundert ist das Sinnbild eines Menschen, der für sich ist und seinen Gedanken die volle Aufmerksamkeit schenkt. Dazu sitzt er zum einen in einer entspannten Haltung und zum anderen ruht der Kopf auf der Faust, als wollte dessen Kraft das Denken und seine Entfaltung stützen und stärken. Diesem Sinnbild und vielen anderen Bereichen, die den denkenden Menschen beschreiben, ist eines gemeinsam: Wer denkt, ist mit sich alleine. Er ist ohne äußere Störung und von keinem Lärm des Alltages umgeben. Ein Mensch, der denkt, hört in sich hinein und spielt mit den Stimmen, die sich in seinem Gehirn zu einem großartigen Orchester unter seiner bewussten Leitung als Dirigent formieren. In den Beschleunigungen des Lebens in den Industriegesellschaften und in den großen Veränderungen des privaten Lebens ist es für viele Menschen schier unmöglich geworden, eine solche Haltung einzunehmen. Die Anforderungen sind hoch, die Verlockungen der Ablenkung auch. So ist der heutige Mensch scheinbar ein Mensch geworden, der die Ruhe zum Denken verloren hat, als wäre es eine Tat aus einer grauen Vorzeit.

Wer alle bedienen möchte, dient sich selbst kaum

Ein Beispiel ist mir in den letzten Jahren aufgefallen, das gut beschreibt, dass auch Führungskräfte kaum Zeit zum Nachdenken finden. Wer wie ich viele Hunderte Menschen in den Sozialen Medien beobachtet, sieht, wie viele Bundestagsabgeordnete, auch Bürgermeister und andere, jeden Tag Zeit darauf verwenden, dort präsent zu sein. Viele von denen, die wichtige Entscheidungen treffen, sind engagierte und kluge Politiker. Zugleich ist es so, dass das Studieren von Studien sowie das komplexe Nachdenken über komplexe Lösungen in einer schwierigen Welt wenig dadurch unterstützt wird, wenn man sich mit Häppchen an Informationen beschäftigt und häufig lediglich Fitzelchen an häufig unbedeutenden Informationen sendet. Wie ist Nachdenken möglich, wenn Termin auf Termin, Meldung auf Meldung folgt und wenn keine Zeit zu finden ist, in der inhaltlich über mehrere Stunden und Tage über ein Thema nachgedacht werden kann? Sicher, viele Führungskräfte lassen sich klug zuarbeiten. Dass ein jeder, der Verantwortung trägt, selbst ein Träger von viel Wissen, Bildung und Konzepten sein sollte, ist gleichwohl unberührt. So sitze ich für diesen Text für mich allein und ohne Störung beim Schreiben. Erst dann wird es vielleicht gut, was meine Gedanken zu diesem Thema sind. Sich selbst ernst nehmen als Intellektuellen, heißt eben auch, mit sich allein zu sein. Und die besten Gedanken kommen dann, wenn es Ruhe gibt, fast von selbst.

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