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KW 12/2017

Eine starke deutsche Stimme: Die Schriftstellerin Juli Zeh schreibt und sagt, was ist

Gesellschaft, was ist das?

Darüber, was Kunst eigentlich sei, gehen die Meinungen auseinander. Dass aber eine Aufgabe der Kunst darin besteht, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, darin sind sich viele einig. Da das Schriftstellertum ebenfalls unter die Kunstsparte fällt, verleihen zahlreiche Autorinnen und Autoren ihrer Stimme mit ihren Werken Nachdruck. Sie haben erkannt, dass sie mit dem, was sie niederschreiben, tatsächlich die Gesellschaft zum Nachdenken, ja, sogar zum Agieren bewegen können. Der Gesellschaftsroman stellt ein Bild der Gesellschaft und des Lebens in ihr dar. Dabei ist er in der Gegenwart der Autoren angesiedelt und verfolgt das Ziel, gesellschaftliche Zustände kritisch zu betrachten sowie unter anderem soziale Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten aufzuzeigen. Der typische Gesellschaftsroman stellt das Aufeinanderprallen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen mit verschiedenen Rechten und Pflichten dar und die Ereignisse spielen vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Charles Dickens, Leo N. Tolstoi, Fjodor Dostojewski, Victor Hugo, Thomas Mann, Robert Musil – große Namen, die Kritik an der Gesellschaft übten und deren Werke bis heute an Kraft kaum verloren haben. Seit einigen Jahren ist ein neuer Name dabei, sich in die Reihe der ganz Großen einzufügen: Juli Zeh.

Sie sagt, was ist

»Die Menschen haben Angst. Wir haben noch immer nicht gelernt, mit der persönlichen Freiheit umzugehen, die uns die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts beschert hat.« In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung soll Juli Zeh dies geantwortet haben, als sie gefragt wurde, warum sich in unserer Gesellschaft so wenig Widerstand gegen die institutionalisierte Gesundheitsüberwachung rege. Der Roman, in dem Zeh diese Entwicklung als Horrorszenario darstellt, trägt den Titel »Corpus Delicti« und ist bereits 2009 erschienen. Schon früh hat die Autorin in ihren Werken ausgemalt, was in unserer Gesellschaft schiefläuft. Auch darum war der NSA-Skandal für sie eine passende Gelegenheit, abermals Kritik zu üben. Als eine der Initiatoren des Aufrufs »Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter« ist es ihr gelungen, eine eindrucksvolle Liste von internationalen Schriftstellern zu mobilisieren. Es geht um den Konflikt zwischen dem Individuum und der absoluten Macht unter den neuen Bedingungen des Informationszeitalters. So steht sie dahinter, wenn im Aufruf eine der tragenden Säulen der Demokratie hervorgehoben wird: die Unverletzlichkeit des Individuums. Doch dieses existenzielle Menschenrecht ist heute »null und nichtig, weil Staaten und Konzerne die Digitalisierung zum Zwecke der Überwachung missbrauchen.« Was kommt noch? In Zeiten, in denen wir immer gläserner werden, weiß Juli Zeh, was sie will: sagen und schreiben, was sie denkt, was sie verabscheut. Und damit ist sie nicht allein. Juli Zeh. Ein Name, den wir uns merken werden.

 

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