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KW 08/2017

Warum wir die Stimmen von Schriftstellern in den öffentlichen Debatten vermissen, erzählen wir anhand des Kölners Heinrich Böll, der in der Nachkriegszeit eine Stimme hatte – und sie zum Wohl aller einsetzte

Leuchttürme waren Leuchttürme, die von Weitem das Ziel der Reise zeigten

Die jüngere Generation kennt ihn vielleicht noch aus dem Deutschunterricht, die ältere erinnert sich, wie wichtig er war: Heinrich Böll, geboren am 21. Dezember 1917 in Köln, verstorben am 16. Juli 1985, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der Aufbaujahre Westdeutschlands und wirkte weit in die Sowjetunion und in die DDR hinein. Böll erhielt 1972 den Nobelpreis für Literatur. Aus zwei Gründen spielt jedoch das, was er schrieb und sagte, keine besondere Rolle mehr in den öffentlichen Debatten. Zum einen hat er mit Romanen, Kurzgeschichten und Hörspielen in seinem Zeitstrom horizontal gewirkt, also in die Breite. Er arbeitete gleichwohl nicht vertikal, brachte nichts besonderes Neues in die Literatur ein. Zum anderen hatte er seinen Stand im Tagesgeschäft und nahm sich weniger Zeit für die Erarbeitung grundlegender neuer Gedanken. Als der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer die Wiederbewaffnung der Bundeswehr anordnete und hart gegen Andersdenkende vorging, war es Böll, der ein kluges Gegenbild aufbaute. Er sprach sich gegen die Diktatur der Sowjetunion aus und half tatkräftig, dort verfolgte Schriftsteller zu unterstützen. Wer in den 1970ern und 1980ern nach einem Kompass suchte, der Menschenrechte stark machte und zugleich Realitäten anerkannte, fand in Böll stets einen Bürger, der nicht davor scheute, großen Ärger zu bekommen, wenn er Bürgerrechte konkret einforderte. Selbst ein Literat wie Günter Grass, der Böll stets zubilligte, seinen eigenen Willen bewahrt zu haben, hat nie die Fallhöhe des Kölners erreicht, weil Grass aus einer Sicht, der SPD und ihren Themen, in die Debatten ging. Nun, das ist alles Vergangenheit.

Diskussion über Diskussion, leider nur von Statement zu Statement

Seit dem Mauerfall 1989 ist zu beobachten, wie fraktioniert und kleinteilig viele Debatten geführt werden. Angetrieben von der stets schnelleren Beschleunigung durch die Massen- und die Sozialen Medien gibt es kaum noch Gespräche von grundlegender  Bedeutung, die das Land viele Wochen lang mit sich austrägt. Ein Beispiel: Seit mehr als 20 Jahren gibt es keine tiefe und breite Verfassungsdiskussion in Deutschland mehr, die all jene mitnimmt, die sich darüber Gedanken machen, was Deutschland im 21. Jahrhundert unter den Bedingungen einer veränderten Welt sein soll. Verfassungsdiskussion? Allein das Wort und vor allem der Gehalt dahinter sind inzwischen Themen geworden, die im Zeitalter von Twitter und Online-Schlagzeilen zu bedenken kaum mehr möglich sind. So ist es nicht allein die Verantwortung der heutigen Schriftsteller, dass diese, wie es die beeindruckende Juli Zeh etwa ein wenig erreicht, kaum das vermitteln können, was sie für sich intensiv durchdacht haben. Hinzu kommen die großen Budgetzuteilungen gegenüber verschiedenen Entscheidern der Gesellschaft. Von den Parteien über die Verbände zu den Nichtregierungsorganisationen – Statement für Statement stehen sie fast in einem gemeinsamen inneren Dialog, sodass die Budgetzuteilungen alle Sendeplätze belegen und Einzelpersonen nicht mehr groß werden lassen. Ein Heinrich Böll hat gezeigt, dass das Subjekt einer Stimme häufig gehaltvoller ist als ein ganzes Sortiment von Studien, die das eine sagen und auf andere treffen, die das andere sagen. Was folgt daraus? Es leitet sich die Erkenntnis ab, dass vor dem Hintergrund der Masse an Themen der Fernseher ausgeschaltet und die Online-Medien nicht genutzt werden. Der Griff in das Bücherregal ist hingegen ein guter Weg, eine Stimme zu lesen, die den Weg weist und den jeder von uns gehen kann: Böll zu lesen ist ein Anfang. Und auch eine Juli Zeh wird bald in meinem Bücherregal ihren Platz finden, nachdem ich ihre Stimme in ihren Büchern gehört habe.

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