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KW 02/2017

Das schönste Dorf der Welt: Warum Hamburg heute tatsächlich der Ort zum Leben geworden ist

An den Landungsbrücken raus – nein, rein – und bleiben

»Was ist für dich das schönste Dorf Deutschlands?« fragt mich mein Gegenüber. Eine kurze Überlegung, dann die eher scherzhaft gemeinte Antwort, weil es sich nicht um ein Dorf handelt: »Hamburg.« Stille. Dann ein Lachen, weil wir uns einig sind. Hamburg entwickelte sich in unsicheren Zeiten zu dem Ort, an dem wir leben möchten. Die Hansestadt rückte 2016 auf Platz 10 der lebenswertesten Städte der Welt. Das Londoner Institut Economist Intelligence Unit (EIU) untersuchte 140 Städte weltweit nach Kriterien wie öffentliche Ordnung und Sicherheit, Gesundheitsversorgung, Umwelt, Infrastruktur sowie Bildungs- und Kulturangebot und befand Hamburg als »lebenswert«. Selbst vor rund viereinhalb Jahren zugezogen, frage ich mich, was mich am Dorf Hamburg begeistert. Es sind die Elbe und der Elbstrand, der Hafen und die Landungsbrücken, die Alster und Binnenalster, aber auch die Hamburger selbst, die mich mit »min Deern« ansprechen oder »Moin« sagen und, und, und. Im Grunde ist es ein Gefühl, das mich nach Hamburg zog – ankommen und sich wohlfühlen. Vieles hat sich seitdem gewandelt und der NDR vermutet, dass unter anderem Hamburgs Probleme mit der Flüchtlingsaufnahme in der nächsten Ausgabe der Studie zu einer Abwertung führen könnten. Ziehen wir dann alle weg? Wohl kaum.

Hamburg-Hasser können ja nach Melbourne gehen

Spitzenreiter der Studie »Lebenswerte Städte« ist seit sechs Jahren in Folge Melbourne. Drei der lebenswertesten Städte befinden sich in Europa, die anderen sieben in Australien und Kanada. Ein Buch-Autor, der sich selbst Uwe Uns nennt, ist bekennender Hamburg-Hasser und dürfte von dem Ergebnis der Top 10 nicht begeistert sein. Er hat 111 Gründe, aufgeschrieben, Hamburg zu hassen. Das Prägnante dabei: Viele seiner vermeintlichen Gründe sind austauschbar: »Weil Hamburg nicht Castrop-Rauxel ist.« Das trifft wohl auf alle Städte außer auf Castrop-Rauxel zu. »Weil Hamburg einen Knall hat.« oder »Weil Hamburg Freaks magnetisch anzieht.« Wenn er den Tipp gibt »Hassen Sie Hamburg. Sie werden es nicht bereuen«, kommt mir das sehr anstrengend vor. Warum sollten wir eine Stadt hassen? Völlig unnötig. Bei meinen Recherchen bin ich auch auf einen Artikel gestoßen, in dem die Autorin mit Hamburg abrechnet. Die Restaurants werden als überteuert beschrieben, die Verkäufer als arrogant, die Bewohner als schlecht gelaunt und unterkühlt. Ich konnte mir nicht helfen und musste beim Lesen an ein Zitat denken, das frei heißt: „Triffst du am Morgen eine Pappnase, hast du morgens eine Pappnase getroffen. Triffst du den ganzen Tag Pappnasen, bist du die Pappnase.“ Selbstverständlich ist Hamburg nicht nur schön und nicht nur eine Perle. Aber es ist tatsächlich der Ort zum Leben geworden. Einer der lebenswertesten der Welt – mit all seinen Ecken und Kanten.

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