PPR-NEWS

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KW 40/2016

Wie eine tiefere, ausgewogene Kommunikation zwischen uns in Deutschland kaum mehr möglich geworden ist: die Herrschaft der Social Media-Kultur über unsere fast verloren gegangene Fähigkeit, in Ruhe zuzuhören und in Ruhe zu antworten, eine Anklage

Eine Parkbank, die will ich stiften

Es gibt in ungezählten Varianten in der Kulturgeschichte des Menschen das Bild des Sitzens, Zuhörens und Redens. So will ich nur ein Bild des vermeintlich klügsten Menschen beschreiben. Der Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein saß gern auf einer Parkbank. Neben ihm: ein junges Mädchen. Beide unterhielten sich über die Hausaufgaben, die der Mathematiklehrer der Schülerin aufgegeben hatte. Während sie fragte und er erzählte, er fragte und sie erzählte, saßen sie zusammen und tauschten sich von Angesicht zu Angesicht in Ruhe aus. Der Lohn der Schülerin war es, die Algebra-Aufgaben verständlich nahe gebracht zu bekommen. Der Lohn des Wissenschaftlers war es, eine kluge Gesprächspartnerin zur Seite zu haben. Eine Vorstellung aus Zeiten, die nie wirklich gelebt waren? Nun ja, die Kulturgeschichte ist voller Zeitzeugen, die die Fähigkeit beschreiben, einen Gedanken auszuformulieren und auf Menschen zu treffen, die die Ausdifferenzierung als üblich, angenehm und sehr lehrreich wahrnahmen. Ganz anders schreiben Kulturskeptiker heute über unsere Zeit. So hat der verehrenswerte Michael Jürgs, 1945 geboren, ehemaliger Chefredakteur des »stern«, bereits 2009 ordentlich vom Leder gezogen. In seinem Bestseller »Seichtgebiete – Warum wir hemmungslos verblöden« empört er sich über die um sich greifende – tatsächliche oder scheinbare – Dummheit in allen Gesellschaftsbereichen. Jürgs fand griffige Beispiele, die in seiner provokanten Streitschrift herausarbeiten, wie eine offene Gesellschaft und eine demokratische Kultur vor die Hunde gehen, wenn alles von jedem an jedem Ort gesagt, gesendet und behauptet werden darf, ohne auch nur einen winzigen Beleg abliefern zu müssen.

Der Beschleunigung der Beschleunigung ist kaum etwas entgegen zu setzen?

Unsere Welt hat sich stets weiter gedreht. Wo sind die gedeckten Esstische am Abend und ihre Gespräche geblieben? Wo sind die Parkbänke und die Menschen, die dort verweilen? Wie viele Signale und Reize gibt es, die über unsere Smartphones an uns gefeuert werden und die wir selbst abfeuern? Wieso geht es, dass eine Twitter-Nachricht überhaupt Nachricht genannt wird, wenn sie in lächerlich wenigen Buchstaben zu einer solchen erklärt wird? Warum stehe ich unter Strom, weil mein Kontakt die Nachricht auf WhatsApp ja gelesen hat, er es aber wagt, nicht sogleich darauf zu antworten? Wie habe ich gelernt zuzuhören, wenn die Orte des Zuhörens aus der Mode gekommen sind: der Bäcker von nebenan, die Fahrradfahrt zu zweit, das Bahnfahren in einem Abteil, in dem Gespräche mehrere Stunden andauern konnten? Die Anklage führen wenige, die Angeklagten sind viele, auch weil wir alle unsere eigenen Angeklagten als Teil dieser Welt geworden  sind. Technik und Kultur haben sich grundlegend verändert und führen die Social-Media-Kultur des Knappen, Erregten und Unnützen stetig weiter ein in die Alltags- und Berufskultur. Was ist denn zu tun? Ja, das ist die Frage, die dem Ankläger fast höhnisch entgegengeworfen wird.  Zu tun ist gar nichts, ist die Antwort, die ein Albert Einstein und mit ihm viele Gelehrte vor unserer Zeit gegeben haben. Eben: nichts tun. Im Park spazieren gehen, nur mit sich und umgeben vom Herbstwind in den Bäumen, ohne Technik, Platz nehmen auf einer Bank und darauf hoffen dürfen, dass dort noch ein Mensch ist, der höflich fragt, ob er Platz nehmen dürfe, weil beide dann etwas machen, was kein Tun an sich ist: einander zuhören und sich befragen, vielleicht nur danach, welche Stunde es geschlagen hat.

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