PPR-NEWS

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KW 30/2016

Einst galten Internet und Social Media als Technologien der Subversion – Wie Herrscher doch das WWW für sich nutzen lernten, schildern wir kurz und bescheiden

Alles ist möglich – hieß es zumindest

Das Internet – eine mediengeschichtliche Anomalie mit unglaublich kurzer Entwicklungsspanne. Während Computer in ihren Anfangszeiten noch ganze Räume füllten und man sich von den Kosten auch ein Einfamilienhaus hätte kaufen können, hat heute fast jeder einen in der Hosentasche. Zugang zum Internet ist dabei ein Standard, auf den beim Kauf eines Smartphones oder Notebooks niemand mehr verzichten will. In einer Zeit des Friedens, der Demokratie und der Einigkeit entstanden, wurde das World Wide Web von vielen als das Tor zu unbegrenzten Möglichkeiten gepriesen, sprachen ihm eine subversive Kraft zu. Jean Polly, Erfinderin des Surfing-Begriffs, verglich das Internet mit einem Ozean, »mit all seinen Irrwegen und all seinen Schätzen«. Nicht allen hat sich das Konzept weltweiter Datenübertragung und sozialer Interaktion via Personal Computer direkt erschlossen. So war Michael Glos, damaliger Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, in 2007 zum Beispiel froh, dass er Leute hatte, die für ihn das Internet bedienten. Viele aber erkannten das enorme Potenzial und setzen sich auch heute noch aktiv für die Freiheit des Internets ein. Die seit 2008 in Erscheinung getretene Hackergruppe Anonymous beispielsweise startet on- und offline Protestaktionen für Redefreiheit und die Unabhängigkeit des Internets. Ein Instrument der Demokratie also, ursprünglich.

Instrument für – aber auch gegen – alle

Doch zunehmend wird das Internet auch von Menschen als Instrument verwendet, deren Interessen und Ansichten mit Demokratie wenig zu tun haben. Von besonderer Bedeutung sind besonders in den letzten Jahren die Sozialen Netzwerke geworden. Personen des öffentlichen Lebens, Führungskräfte,  Menschen in politischen Machtpositionen, sie alle wissen mittlerweile, dass ein Facebook-, Twitter- oder Instagram-Account ihnen zu Popularität verhelfen kann. Autokratische Herrscher, die im Internet schon Sanktionen verhingen oder allein die Nutzung zur Straftat machten, finden plötzlich Wege, das doch so demokratische Internet für ihre anti-demokratischen Intentionen zu missbrauchen. Wo es doch zunächst zu Gefängnisstrafen führen konnte, wenn man unter ihrer Regierung einen Tweet oder einen Blogeintrag veröffentlichte, der ihren Ansichten widersprach, nutzen sie es nun selbst als Mittel, um eben diese Ansichten massenhaft zu verbreiten. Ein Widerspruch in sich, und trotzdem werden hier die Potenziale des Internets deutlich: Zwar gut und demokratisch, aber eben auch eine Plattform für jeden – unabhängig von der persönlichen Einstellung. »Der Meinungsstreit ist keine Störung des Zusammenlebens, sondern Teil der Demokratie«, formulierte es einst Joachim Gauck. Ob demokratisch oder nicht – Reichweite ist in jedem Fall garantiert. 

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