PPR-NEWS

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KW 26/2016

Wenn die stetige Krise permanente Kommunikation ist, erleben wir keine Krise, oder? Unsere erstmalige Würdigung der jahrelangen Leitung des Landes durch die Kanzlerin

Die Hände zur Raute gestreckt

Das deutsche Wort »Krise« stammt, wie so viele früh definierte Gefühle und Stimmungszustände, aus dem Griechischen und Lateinischen. Das altgriechische Verb »krinein« heißt im Grunde »trennen« und »(unter-)scheiden«. Laut Duden meint dies eine schwierige Situation und die Zeit des Höhepunktes oder der Wende, die zu einer Entscheidung führen müsste, um diese zu überwinden. Im Lateinischen ist es das Wort »crisis«, das sich vor allem auf schlimmste Erkrankungen bezieht. Immer meinte »Krise« also Gefahr, die von Menschen als große Bedrohung für sich wahrgenommen wurde. Wer analytisch verstanden hat, was »Krise« bedeutet, versteht etwas mehr über die Leistungen der Kanzlerin Angela Merkel als Meisterin der Kommunikation in scheinbar jeder Krise. Ihre Regierungszeit teilt sich aus heutiger Sicht in drei Phasen: In der ersten reiste sie um die Welt und vermittelte Krisen mittels ihrer berühmten Raute vor den Kameras der Welt als kaum vorhanden, kaum gefährlich. In der zweiten Phase, seit Beginn der Finanzkrise und der Euro-Krise, galt sie als die »Krisen-Kanzlerin«, die Ruhe und Sicherheit vermittelte und der jegliche Lösung eines Problems anvertraut werden konnte. In der dritten, in der jetzigen Phase, ist der Anschein, sie könne die Flüchtlingskrise und andere aktuelle Krisen lösen wie stets zuvor als Leitfigur, verloren gegangen. Wie konnte das geschehen?

 

Krise war gestern, Krise ist heute

Jede Führungskraft hat ihre Zeit. Seit 2005 steht Angela Merkel an der Spitze des Landes. Wer sich verführen ließ, sie zu überhöhen, stürzte mit ihr als Krisenkanzlerin ab – und vielleicht wird das dazu führen, dass sie nicht mehr allzu lange Kanzlern sein wird. Ihre permanente Nicht-Kommunikation von Gefahr hatte stets zu Beruhigung geführt und den Eindruck vermittelt, sie handelte – wenn überhaupt – erst spät und dann richtig. Als die Situationen jedoch größer, komplexer und bedrohlicher wurden, ist sie das geworden, was auch jede Führungskraft vermutlich in ihrer Biografie irgendwann erlebt: Die Kanzlerin war nicht mehr Herrin der Lage, sondern selbst eine Getriebene der Ereignisse. Was macht dann heute die »Krisen-Kanzlerin«? Sie faltet ihre Hände zur Raute – also in eine stabile geometrische Figur – und versucht, wie in alten Zeiten, das zu tun, was früher auch funktionierte. Sie entscheidet, wenn überhaupt, erst spät – nämlich dann, wenn alle anderen einig mit ihr gehen. Das ist Geschichte geworden. So ist die Kommunikatorin der Beruhigung von Gefahren für viele selbst zu einer einsamen Beteiligten der Gefahren geworden. Was bleibt? Das Gefühl, gut geführt zu werden, zumindest ist verschwunden. Auch Winston Churchill, Charles de Gaulles und viele andere große Politiker endeten unglücklich. Auf der Höhe der Zeit aufzuhören, das gelingt schließlich wenigen. In der Krise aufhören zu müssen, geschieht jedoch vielen.

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