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KW 13/2016

»Angst essen Seele auf«: Warum Angstmacher unser Leben verändern, ohne dass wir wirklich immer bedroht sind

Die Geschichte der Angst

»Starr vor Angst«, »Angstschweiß«, »Angst-Hase« oder »sich vor Angst in die Hose machen« – dies sind nur einige Beispiele aus dem Repertoire der deutschen Sprache für Situationen der Angst. Sie beschreiben das Diktat der Angst, welches den Körper bestimmt. Man kennt sie, macht sich aber kaum noch Gedanken über ihre eigentliche Bedeutung. Die »Angst« ist im Grunde eine Wahrnehmung, eine Emotion, dass eine Situation bedrohlich ist. Sie ist somit das Ergebnis visceraler, also intuitiver, Empfindungen. Der Begriff »Angst« hat sich vom indogermanischen »anghu« (beengend) über das althochdeutsche »angust« entwickelt. Evolutionsgeschichtlich gesehen hat Angst eine wichtige Funktion: Sie bewirkt ein angemessenes Verhalten in bestimmten Situationen – sie leitet beispielsweise eine Fluchtreaktion ein. Angst kann diese Funktion aber nur erfüllen, wenn sie weder lähmt, noch zu gering ausgeprägt ist. Bereits 1908 formulierten die Wissenschaftler Robert Yerkes und John D. Dodson das »Gesetz der Angst«, das die Zusammenhänge von einem nervösen Erregungsniveau und der Abrufbarkeit von Leistungsfähigkeit beschreibt. Während sich im antiken Griechenland die Angst auf konkrete Objekte bezog, gilt die »Weltangst« als moderne Erscheinung.

 

Nicht-Verstehen als Angstauslöser

Rainer Werner Fassbinders Film »Angst essen Seele auf« von 1974 zeigt, was mögliche Auswirkungen von Angst sind und wozu die Missachtung sozialer Minderheiten führen kann. Heute ist Angst vor allem dann relevant, wenn sie kommunikativ zum Ausdruck gebracht wird. Hierbei gibt es unterschiedliche kulturelle Angstmillieus, die alle eine eigene Angstkommunikation aufweisen. Man braucht sich nur ansehen, wie verschiedene Zeitungen unterschiedlich über dieselben Themen berichten oder manche gar nicht erst aufgreifen. Als eine der Hauptquelle von Angst ist dabei immer das Nicht-Wissen beziehungsweise das Nicht-Verstehen von Ereignissen in der Umwelt. Die resultierende Bedrohung kann als kulturelles Deutungsschema, was unterschiedlich interpretiert wird, angesehen werden. In Deutschland ist laut Experten aufgrund von Terrorismus, der Flüchtlingskrise und wirtschaftlichen Unsicherheiten im Euroraum die »German Angst« zurückgekehrt. Laut der Gesellschaft für Konsumforschung e.V. (GfK) sind aktuell 55 Prozent der Deutschen angsterfüllt. Aber erstmals nimmt nach Informationen des Statistikportals statista die Angst vor Umweltkatastrophen vor der Angst vor Terrorismus Platz eins der deutschen Ängste ein. Allgemein gilt: Durch die Anwendung einer reflektorischen Bedrohlichkeitsprüfung kann die Kluft des Nicht-Wissens kommunikativ überbrückt werden. Nur so werden wir angesichts der bedrohlichen Situationen in der Welt nicht »starr vor Angst«.

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