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KW 02/2016

Wieso das neue Indien so weit entfernt für uns bleibt, wiewohl der Subkontinent von eigentlich großer Bedeutung ist

Indien – Land der Gegensätze

»In Indien zu leben, ist, wie eine intensive, jedoch vollkommen verrückte Affäre zu haben«, schrieb die australische Journalistin Catherine Taylor einst in dem Artikel »Mad for Mumbai« in der Tageszeitung »The Australian«. Wer einmal Gelegenheit hatte, längere Zeit in diesem Land zu verbringen, versteht dieses Gefühl gut. Indien fordert und überfordert stets und überall. In kaum einem Land ist die kulturelle Divergenz zu Europa – und sogar innerhalb des Landes selbst – größer als in Indien. Indien ist ein Land der großen Gegensätze. Mit über sieben Prozent Wirtschaftswachstum und derzeit geschätzt rund 1,3 Milliarden Einwohnern zieht es nicht mehr nur Spiritualisten, Hippies und Abenteuertouristen an, sondern ist ein hoch interessanter Markt für europäische Unternehmen. Gleichzeitig beträgt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen immer noch nur rund 1.100 Euro jährlich. In 29 Bundesstaaten werden je nach Definition zwischen rund 100 und beinahe 800 verschiedene Sprachen gesprochen. In der Tech-Metropole Bangalore leiden rund 25 Prozent der Kinder unter Asthma aufgrund der hohen Luftverschmutzung, gleichzeitig ist Indien eines der wenigen Länder weltweit, wo Unternehmen ab einer bestimmten Größe zu Corporate Social Responsibility gesetzlich verpflichtet sind. Unzählige solcher Gegensätze und Unberechenbarkeiten lassen Indien fremd erscheinen und machen es für viele Menschen zu einer großen Herausforderung, die, wenn überhaupt, nur mit viel Geduld und Frustrationstoleranz zu bewältigen ist.

 

Indien lohnt sich – wirtschaftlich und persönlich

Indien ist wirtschaftlich und geopolitisch ein schlafender Riese. Doch nicht nur die kulturellen und kommunikativen Barrieren sowie die beinahe legendäre indische Bürokratie lassen Unternehmer häufig verzweifeln. »Was den einen Tag 50 Rupien kostet, mag am nächsten 500 kosten, und niemand wird dir erklären, warum«, schreibt Taylor. Zusätzlich ist Korruption leider ein fester – und anerkannter – Bestandteil des Wirtschaftslebens. Ökonomisches Handeln ist in Indien daher oft nicht mit europäischen Maßstäben zu messen. Jeder, der sich in diesem Land wirtschaftlich bewegen will, braucht gute Berater, die Indien zumindest kennen – es zu verstehen, wäre zu viel verlangt. Die allzu oft beschworene interkulturelle Kompetenz ist hier wirklich von Bedeutung. Dennoch: Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner Indiens weltweit und, was möglicherweise noch wichtiger ist, genießt großes Ansehen und viel Sympathie auf dem Subkontinent. Zudem versteht man es in Indien wie kaum anderswo, aus der Not eine Tugend zu machen und auf wundersame Weise jede Kommunikationsbarriere zu überwinden. Und einmal aus ganz anderer Perspektive betrachtet: Die Psychologie sieht in der Wahrnehmung und Verarbeitung von Fremdem entscheidende Konstitutionsfaktoren des Ichs. So kann es auch persönlich ein sehr wertvolles Erlebnis sein, Indien zu erfahren. Schließlich sagt auch Catherine Taylor: »Indien und ich, wir kämpfen, wir schreien, wir streiten, wir sprechen tagelang nicht miteinander, aber in Wirklichkeit, tief drinnen, lieben wir uns.« Dies ist nicht etwas für jeden, aber es lohnt sich.

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