PPR-NEWS

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KW 49/2015

Über die deutsche Kultur des konfrontativen Dialoges: der Entwurf eines Essays zum wichtigen Thema, wie wir besser miteinander reden könnten

Was uns (N)Olympia über die deutsche Dialogkultur sagt

Nach der basisdemokratischen Entscheidung der Hamburger Bürger, Olympia nicht in ihre Hansestadt zu holen, titelte die Hamburger Morgenpost am Dienstag: „Olympia-Pleite zerreißt Hamburg – Befürworter und Gegner gehen aufeinander los“. Auch wenn die MoPo nicht für zurückhaltende Schlagzeilen bekannt ist, ist dies dennoch ein weiteres Zeichen dafür, dass etwas – durchaus grundlegend – nicht stimmt in diesem Land: Die Dialogkultur ist an einem Tiefpunkt. Das Verstehen anderer Meinungen und Positionen, die Frage nach Beweggründen rückt im Dialog schon längst stets in den Hintergrund. Stattdessen dominiert das Provokative, Konfrontative. Wer sich von Zeit zu Zeit in den sozialen Medien bewegt, kann dies anhand der Beiträge zur Flüchtlingsdebatte auf besorgniserregende Weise beobachten – wobei Debatte kaum das richtige Wort ist, um die hier oft herrschende Kultur zu beschreiben. Insbesondere dort, wo sich Menschen anonym fühlen, werden die Grenzen respektvoller Kommunikation beachtlich schnell hinter sich gelassen. Dass Sprache durchaus Realitäten schafft, wird dabei häufig außer Acht gelassen. Angelehnt an Carl von Clausewitz könnte man nun sagen: Gewalt ist bloß eine Fortsetzung des Dialogs mit anderen Mitteln. Und nicht selten wird Erstere in Letzterem geboren.


Teufelskreis von Sprache und Kultur

Dabei ist der konfrontative Dialog durchaus (auch) ein deutsches Phänomen. So zeigt beispielsweise die Göttinger Germanistikprofessorin Hiltraud Casper-Hehne in ihrer wissenschaftlichen Analyse der „Deutsch-Amerikanischen Alltagskommunikation“, wie sehr sich die Kommunikationskulturen unterscheiden. So sind sowohl in den USA wie auch in Asien Diskussionen weit weniger konfrontativ orientiert als bei uns. Dies mag auch Ausdruck der kulturellen wie politischen Sonderstellung sein, die Deutschland seit jeher in Europa einnimmt. Deutschland ist und war stets ein Reibungspunkt, unter anderem in seiner Doppelrolle als Brücke und Mauer zwischen West und Ost. Zukunftsangst war hier ein ständiger Begleiter. Die Angst vor dem Verlust – inzwischen größtenteils reduziert auf materielle Fragen – hat geprägt und bleibt, da sich Sprache und kultureller Kontext gegenseitig bedingen, in einem Teufelskreis präsent. Diesen zu durchbrechen und vielleicht einfach mal eine Neiddebatte nicht zu führen („Ost-Rente viel zu hoch!“ titelte die BILD am Dienstag) ist die Aufgabe jedes Einzelnen und auch der Medien. Denn der Dialog sollte wieder zum respektvollen Meinungsaustausch werden statt eines gelebten Dissenses bis hin zum Ausdruck eines allgemeinen Welthasses. Und wenn wir gleichzeitig anerkennen, dass Sprache unser Denken formt, dann bedeutet dies: Ein guter sprachlicher Umgang führt uns am Ende zu einem besseren Umgang miteinander in jeder Hinsicht. Indem wir auf unsere Worte achten, können wir unsere Kultur gestalten. Dies ist ein mächtiger Gedanke.     

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