PPR-NEWS

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KW 47/2015

Wie die Sprache der besorgten Mittelschicht keine Sprache in der Öffentlichkeit hat, ist eine besorgniserregende Entwicklung – da diese das Rückgrat der Gesellschaft ist

Die Mitte zu fassen, ist so schwer, weil sie kommunikativ Komplexität bietet

Wer über die Mittelschicht schreibt, der ist auf der Suche nach einer Definition. »Alles strebt in die Mitte«, ist ein guter Spruch aus alter Zeit, der dabei hilft. Die Mitte einer Gesellschaft ist eben die mathematisch-analytisch gezogene mittlere Kohorte der Gemeinschaft. Schauen wir auf die Ränder der Gesellschaft – sei es die rechtsextreme Bewegung Pegida, die AfD, auf linksextremistische Erscheinungen wie die Rote Armee Fraktion Ende der 70er Jahre – können wir von dorther eher die Mitte definieren. In der Wissenschaft ist die Festlegung, wer und was die Mitte Deutschlands ist, sehr umstritten. Wer ehedem die körperlich tätigen Arbeiten im Verhältnis zu den – meist besser bezahlten – Angestellten der Weiße-Kragen-Jobs setzte, der ist seit langem auch an dieser Stelle verunsichert. Heute gibt es Angestellte beim Staat, die wenig verdienen und in unsicheren Vertragsverhältnissen stehen, während Facharbeiter unkündbar erscheinen und oft bereits den Spitzensteuersatz begleichen. So sind es soziokulturelle, finanzielle und subjektive Parameter, die kaum mehr eindeutig ausgehandelt sind, da die Arbeiterbewegung als solche eine in der Vergangenheit und die Oberschicht keine undurchdringliche mehr ist. Warum dieser kurzer Anriss zum Thema wichtig ist? Es ist bedeutsam, wer für die Mitte sprechen will, dass er diese versteht.

 

In turbulenten Zeiten hat die extreme Kommunikation Hochkonjunktur; in ruhigen leider auch

Es ist seit langem erkennbar, dass es in der Mitte eine nicht-veröffentlichte scheinbare Sprachlosigkeit gibt. In Talkshows, Nachrichtensendungen und TV-Filmserien sind keine Bilder, Inhalte und Meinungen der Mittelschicht vorhanden. Das führt dazu, dass die Sorgen und Einsichten der Mittelschicht nicht (mehr) in Plätzen in den Medien, in den Reden und somit in den Taten der Gesellschaft weniger verankert sind. Beispiele gibt es viele: Die Sorge der Mittelschicht, keine sichere Rente zu haben, ist ebenso nicht diskutiert, wie es umgekehrt die breiten Diskussionen über Grundversorgungsfragen der Gesellschaft ohne diese Arbeitenden gibt. Die akademisierte Baby Boomer-Generation bis 1970 lebt heute längst nicht mehr in Familienverhältnissen der alten Prägung; gezeigt werden gleichwohl die Verhältnisse derjenigen, die darunter oder darüber ihr Leben auf extreme Weise organisieren. Geht es um die Steuerzahler, so spricht man in den Medien nicht über die Sorgen der Mittelschicht, sondern über Steuerhinterziehung oder den Missbrauch sozialer Leistungen. Vor allem die Entwicklung, dass die Stimmen der Mitte kaum öffentlich im Verhältnis zu ihrer Bedeutung gewichtet werden, ist eine kommunikative und tatsächliche Gefahr für diese offene Gesellschaft geworden. Was tun? Besonnen bleiben, gleichwohl vor allem sich darüber bewusst werden, dass es das Extreme noch nie wirklich geschafft hat, was die Mitte kommunikativ schafft: Alltag, Gleichmäßigkeit und Stärke in der Ruhe an alle anderen vermitteln, die von der Stabilität der Mitte der Gesellschaft bis heute zehren dürfen.

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