PPR-NEWS

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KW 46/2015

Aus gegebenem Anlass: Wie der Hamburger Helmut Schmidt zum Sinnbild eines deutschen Aufklärers wurde, der mit Fakten seine Meinungen kommunizierte, versuchen wir in einem bescheidenen Nachruf zu beschreiben

Ein Hamburger, der das vorlebte, was Hamburg für sich ausmachen will

Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt ist in dieser Woche 96-jährig verstorben. Aus vielen guten Gründen beschreiben seitdem Weggefährten, Politiker und Publizisten, warum der Hamburger eine Ikone Deutschlands geworden ist. Schmidt war jung derjenige, der in der Flutkatastrophe in den 60er Jahren tatkräftig Grenzen überschritt, um Menschenleben in der Hansestadt zu retten. Er war Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Bundestag und erwarb sich mittels seiner zugespitzten Redekunst den Titel »Schmidt Schnauze«. Schmidt setzte die Westintegration Deutschlands in der SPD endgültig durch und stand eindeutig an der Seite der USA. Als Finanzminister, als Architekt der deutsch-französischen (Wirtschafts-)Gemeinschaft und Anhänger der Idee eines geeinten Europas und vor allem als Bundeskanzler bis 1982 führte er (West-)Deutschland geschickt, mutig und sachgerecht durch schwierige geschichtliche Phasen. Seine wichtigsten politischen Stationen sind bekannt, wer in diesen Tagen zuhört, liest und sieht, warum Helmut Schmidt ein Staatsmann geworden ist, der bis in ein höchstes Alter hinein ein bedeutender Ratgeber, ein erfolgreicher Buchautor und schlicht die Stimme der Aufklärung in diesem Land war. Was wir als Hamburger Kommunikationsfirma vielleicht beisteuern können, ist anzureißen, wie seine sachgerechte und informierende Art Menschen überzeugte und zu Meinungen trug, die nur der Verstand und die Vernunft bieten können.

 

Verständlich, gebildet, mit Verve: die Kommunikation des Helmut Schmidt

Es gibt alte Szenen im deutschen TV, die zeigen, wie die damaligen Bundespolitiker Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher und Franz-Josef Strauß sich gegenseitig mit deutlichen Worten ihre parteipolitischen Meinungen im Dunste von Zigarettenrauch zuwerfen. Es war Polemik dabei in jenen Tagen – und es war derb aus heutiger Sicht. Ja, es war Leidenschaft, die zu den pointierten Aussagen in der deutschen Sprache führte, die damals als Standard galten und heute als fast anstößig zu empfinden sind. Gleichwohl hatte Schmidt als späterer Herausgeber von »Die Zeit« und in seinen Büchern eine seltene Fähigkeit zur Meisterschaft gebracht, die wir ihm lange über seinen Tod hinaus nachtragen werden. Wer Schmidt hörte und las, der erhielt eine inhaltliche Position, die vor Sachkenntnis, tiefer Bildung und häufig unumstößlichen Fakten trotzend überzeugen musste. Sei es die Debatte um die Nachrüstung, die schwierig und notwendig war; seien es die Tage des Herbstes 1977, als eine linksextreme Terrororganisation das Land verängstigte; seien es die wirtschaftspolitischen Ausrichtungen eines künftigen Europas: Immer in seiner Zeit stehend und nach vorne schauend verband der Hamburger seine Meinung mit einer tatsächlichen Realitätsnähe, die andere als Pragmatismus angriffen oder wieder andere als selbigen lobten. Wer ihn in den vergangenen Jahren als Buchautor las, der sah tatsächlich klarer in die deutsche und europäische Zukunft. So ist selbstredend nicht genügend Platz, den Staatsmann annähernd zu würdigen. Für uns als Hamburger Kommunikationsfirma war und ist Helmut Schmidts Argumentationsweise Ansporn, mittels Informationen zu überzeugen. So ist Helmut Schmidt oft zum unbequemen Geist erklärt worden, dessen stete Erkenntnissuche oft als störend empfunden wurde. Wer ihm gleichwohl vor allem in den letzten Jahren zuhörte, erkannte in ihm einen Mahner, der sich nicht scheute, vor globalen Entwicklungen zu warnen – und nüchtern zu beschreiben, dass nicht wenige Ereignisse unaufhaltsam auf Europa und Deutschland zugekommen sind. Das Lob für Schmidt ist in diesen Tagen besonders groß. Was bleibt? Die Erinnerung an einen großen Kommunikator und an einen Hamburger, der lebenslanges Arbeiten und lebenslanges Lernen sowohl als Pflicht als auch Freude vorgelebt hat. Eines seiner lesenswerten Bücher nannte Schmidt zurückhaltend »Außer Dienst«. Im wahren Leben stand er im Dienst wie lang kaum jemand sonst. Wir sollten ihn so wieder und wieder lesen – und überlegen, was ein Schmidt aufklärerisch in unserer offenen Gesellschaft nun sagen würde – auch wenn er nicht mehr da ist.

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