PPR-NEWS

337

KW 45/2015

Damit Führungskräfte auch das gesagt bekommen, was richtig ist, benötigen sie Freigeister als Berater: die Typologie eines häufigen Missverständnisses

Diogenes zu ignorieren, wäre ein Fehler gewesen

Wer sagt dem König, dem Kaiser und heutigen Führungskräften, was er denkt und nicht nur das, was diese hören wollen? Es gab eine erste Figur in der europäischen Kulturgeschichte, die den Ton und die Haltung hatte, ein im Grunde erster Unternehmensberater zu sein. Er hieß Diogenes und lebte im 5. Jh. v. Chr. am Schwarzen Meer in Sinope. Er war vermutlich Sohn eines Bankers oder Finanzbeamten, also von gebildeter Herkunft. Während die Griechen entschieden, mit dem späteren Weltherrscher Alexander gegen die Perser in den Krieg zu ziehen, sprach letzterer mit vielen Beratern. Nun war Alexander, später »der Große«, im Gespräch mit den Größen seiner Zeit, weil er von diesen lernen wollte. So dachte er, dass ein Diogenes auch ein solcher wäre, der ihm die Aufwartung machen wollte. Doch es kam anders, als die antike Führungskraft dachte. Diogenes kam nicht in den Palast, um verlogen zu huldigen. Also machte sich Alexander selbst zu ihm auf, was ein Skandal gewesen sein muss. Als Alexander kam, reckte sich Diogenes nur ein wenig in die Höhe und starrte den Mächtigen ohne Regung an. Alexander fragte ihn, weil er Respekt vor der Unabhängigkeit Diogenes’ gewann, womit er ihm dienen könne. So sagte der Mann nur eines: »Gehe mir nur ein wenig aus der Sonne.« Alexander, tief beeindruckt, rief in der Folge aus: »Wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes von Sinope sein.«

 

Die Wichtigkeit der Unabhängigkeit eines Beraters

Wer über heutige Firmenkulturen informiert ist, der wundert sich, ob die offene Gesellschaft, die wir sein wollen, tatsächlich Wirklichkeit geworden ist. Wer in die Skandale der vergangenen Jahre in großen Dax-Konzernen schaut oder in die politischen Räume, der muss sich fragen, ob wir freien Bürger und Mitarbeiter uns frei gegenüber Führungskräften verhalten. Nur wer wie Diogenes ohne Angst vor solchen ist, ist in der Lage, Warnungen und Wahrheiten auszusprechen. Wer dafür angeheuert ist, Führungskräfte zu beraten, der ist nur dann ein guter Berater, wenn weder sein Honorar noch seine Karriere von seinem dann unehrlichen Rat abhängen. Es ist unter Unternehmensberatern und Assistenzen sowie unter PR Beratern ein Geheimnis geworden, wann eine Führungskraft eine Krise in der Begleitung von solchen meistern wird. So empfiehlt es sich für diejenigen, die Verantwortung tragen, darauf zu achten, dass sie keine Einflüsterer schätzen, sondern solche, die Wahres sagen. Eine geisteswissenschaftliche Ausbildung liefert nicht nur die nötige Basis, um im entscheidenden Moment wichtige Impulse zu geben. Sie hilft auch dabei, zu verstehen, was es heißt, grundlegend über Grundlegendes nachzudenken.

Zurück