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KW 43/2015

»United in Diversity«: wie ein Schlagwort berühmt geworden ist und doch nur darüber hinwegtäuscht, dass verschiedene Kommunikationskulturen erst eins werden müssen

Ein Begriff, eine Sehnsucht

Seit 15 Jahren hat sich die Europäische Union ein Motto gegeben. Es lautet »In Vielfalt geeint« (»United in Diversity«). Es soll betonen, dass sich Europäer aus 28 Staaten in der Europäischen Union zusammengeschlossen haben, damit sie gemeinsam in Frieden und Wohlstand leben wollen und sich für beides einsetzen. So sind dieses Wort und seine dazugehörige Haltung zu einem der bekanntesten Symbole der EU geworden. Während Parolen dieser Art, Leitsprüche und pointierte Aussagen eine identitätsstiftende Wirkung entfalten sollen, ist die Idee dafür alt. »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« war der Sinnspruch der französischen Revolution aus dem 18. Jahrhundert. So bildete die Aussage der ostdeutschen Wende-Bewegung »Wir sind das Volk« Wörter, die Kraft, Einigkeit und Geschlossenheit hergestellt haben. Der Begriff »United in Diversity« wiederum hat eine bereits große Karriere hinter sich und wird in verschiedenen leichten Veränderungen in diesen Tagen weiter bekannt. Auch die USA hatten mit der Aussage »E pluribus unum« versucht, ein Einwanderungsland zu sein, dass verschiedene Kulturen unter dem Dach der US-Flagge mit miteinander vereint. So ist eindeutig, dass es viele Vorkämpfer gab und es viele Streiter heute dafür gibt, aus verschiedenen Teilen mittels einfacher Wortbindungen eine Einheit, ein großes Ganzes herzustellen. Was hat das mit der Merkel’schen Aussage »Wir schaffen das« in der aktuellen Flüchtlingskrise zu tun?

Erst, wer weiß, wohin die Reise gehen soll, hat dafür den Sinnspruch parat

Die Völkerwanderung, die derzeit die Europäische Union in ihre wohl schwerste Krise gebracht hat, zeichnet sich kommunikativ gesehen durch zwei besonders schwerwiegende Herausforderungen aus. Während zum einen die unterschiedlichen Nationen nicht sich selbst als integralen Teil Europas in dieser Frage verstehen, so sind die Menschen in der EU so unterschiedlich, dass es bis heute nicht gelingt, ihnen einen Leitspruch zu schenken, der ihre Unterschiedlichkeit mit dem Ziel einer gemeinsamen Leistung tief verankern könnte. Was also ist Europa, was ist die Einheit in der Vielfalt? In den zurückliegenden Monaten gelingt es Menschen und der politischen Führung nicht, das identitätsstiftende Gemeinsame herauszuarbeiten. In der jetzigen Phase der Flüchtlingskrise gleichwohl ist ein weiteres Manko aller: Es gibt eine weitere, stärker werdende Fragmentierung von Staaten, Regionen und Menschen, die sich eben nicht in einer Idee – gar einer europäischen – vereint fühlen. Wer die Lage beschaut, der versteht, dass die kulturelle Vielfalt und ihre Unterschiedlichkeiten noch keine gemeinsame Kommunikationskultur erschaffen haben. Es bräuchte Staatsführer oder einfache Bürger, die in der Lage wären, den Menschen mit einem Wortgebilde das Gefühl zu geben, als wüssten diese, wohin die Reise geht. Da offensichtlich niemand weiß, was die Flucht von Menschen in die EU wirklich bedeutet, fehlt ihre sprachliche Begleitung. Wer findet die rettende Vokabel in diesen Tagen?

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