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KW 36/2015

Warum der berühmte Schriftsteller Milan Kundera (»Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«) seit Jahrzehnten kein Interview mehr gibt, erzählen wir – weil wir es lieben, wie unmodern er denkt

Alle suchen ihren Platz im Olymp der Götter – wirklich alle?

Ein archetypisches Bild aus der Antike mag erhellen, wer verstehen will, warum fast jeder Künstler in die Öffentlichkeit drängt. Der griechische Philosoph Platon hat in seinem sehr bekannten, sehr komplexen Höhlengleichnis von Schein und Wirklichkeit gesprochen. So steht die Frage bereit, dass, wer in nur einer Höhle an die Steinwände malt und diese nie verlässt und nie Besuch erhält, im Grunde kein Kunstwerk geschaffen hat, weil niemand – und damit kein Publikum – je davon erfahren wird. So ist es in allen Kulturen stets das Bemühen, berühmt zu werden, was Maler, Schriftsteller und etwa Bildhauer angetrieben hat. Michelangelo war zu Lebzeiten eine Legende. Rodin beschäftigte eine Mannschaft in seiner Werkstatt, damit die Nachfrage gestillt wurde. Günter Grass nahm noch fast jedes Interview wahr und suchte jeden Rede-Ort auf, um als Person des öffentlichen Lebens seine Gedanken kräftig hinaus zu pauken. Diejenigen Künstler gleichwohl, die nicht oder erst postum, also nach ihrem Tode bekannt werden wollen, sind doch eher noch seltener geworden. Es war ja so, dass der große Schriftsteller der Moderne, Franz Kafka, seinem Freund und Vertrauten Max Brod gar verbot, nach seinem Tode irgendetwas von seinen bis dahin ungelesenen Werken zu veröffentlichen. Hätte Brod seinen Freund nicht verraten und die Werke nach außen getragen, hätten wir von diesem Autor nie erfahren.

1984 erscheint sein Werk, er wird berühmt und verfällt dem Schweigen

Milan Kundera hat in der kommunistischen CSSR gelebt. Er hat die Enge und den Polizeistaat durchlebt. Er hat Werke geschrieben, die erst spät zu Weltruhm fanden. Als er in den Zeiten des Kalten Krieges zum Exilanten in Paris wurde, war noch lange nicht ausgemacht, dass eine halbe Welt von Lesern auf jedes neue Buch von ihm wartete, als gäbe es nichts Leichteres, als ihn zu lesen. Nun war es so, dass sich Kundera ab einem bestimmten Zeitpunkt der Öffentlichkeit entzog. Wohl war er durch den Kinofilm »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins« und große Rezensionen bekannt, dann gleichwohl entschied er, niemandem mehr ein Interview zu geben. Milan Kundera war das Gegenteil eines Künstlers, der das Licht des Publikums sucht. Seine Begründung ist ebenso erhellend für heutige Zeiten, als auch einfach zu verstehen: Jedes Interview, so Kundera, verfälsche alles, was zu sagen wäre. Alles, was in wenige Worte gepackt würde, entstelle den Sinn, um was es im Grunde geht. Allein die Fragen zu ertragen, die nicht selbst gewählt sind, sind für ihn eine Zumutung – und hinterlassen etwas, was so nicht gemeint war. Wer sich anschaut, was heute an Missverständnissen durch Verknappung entsteht, der mag dem scheinbar unmodernen Kundera darin folgen und häufiger eher schweigen wollen, als auch hier und dort noch einmal das Wort zu führen. Doch: Wer will sich das erlauben in einer Welt, in der wahrgenommen zu werden, der große Lebenssinn geworden zu sein scheint?

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