PPR-NEWS

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KW 30/2015

Der TV-Gigant Stefan Raab geht, wie er kam: eine Biografie, die Planung genauso beherrschte wie den Mut, anders zu sein – und einfach aufzuhören

Aufstieg eines Metzgergesellen, der unbändig das TV auf den Kopf stellte

Seitdem Stefan Raab für Viva vor vielen Jahren eine schon damals neuartige Show erfand, hat sich Raab seine eigene Legendenwelt erschaffen. Erinnert werden soll zum Beispiel an seine Pausenmoderation zur ansonsten todlangweiligen Fußball-WM in den USA; seine Außeneinsätze, die das Mikrofon zur Waffe eines schonungslosen Umgangs mit Menschen unter dem Schutzschirm der Comedy machten und etwa seine Show „TV Total“, die vor allem davon lebte, dass Andere Merkwürdigkeiten in die Welt des TV brachten. Erwähnt werden müssen seine Serien von neuartigen Fernsehformaten wie das Turmspringen mit Prominenten, die Stock Car Crash Challenge oder auch die Folgen des ewigen Coups „Schlag den Raab“, in der sich der eher unsportliche Raab zum Hochleistungssportler machte und mit unglaublicher Allgemeinbildung überzeugte. In allen Formaten und in allen diesen Jahren seiner Omnipräsenz im TV lebte der Showmaster vor allem davon, dass Andere von ihm geführt und vorgeführt, zum Lachen gebracht und filmisch „umgebracht“ wurden. Raab machte das TV zur Massenware einer jungen Generation. Er holte sie alle in seine Sendung, von den unfreiwilligen TV-Stars wie der „Maschendrahtzaun-Dame“ ganz zu schweigen. Was ist nun das Ende der Geschichte, da ein Vater, ein cleverer Unternehmer und wohlhabender Mittelständler sein Abschied vom TV verbindlich erklärt hat?

Eine Geschichte geht zu Ende, die allzu lang Übermenschliches abforderte

Solche wie Raab müssen ein geringeres Schlafbedürfnis haben, müssen ein emotionales Gerüst aus Eisen besitzen und müssen einen Fleiß und eine Disziplin über lange Jahre aufbringen, über die kaum jemand verfügt oder sich erarbeiten kann. So ist der Abschied Stefan Raabs auch am Ende eine gute Botschaft. Nicht nur deswegen ist sie gut, weil dort jemand auf einem fortwährenden Zenit aufhört (wie ein Fußballweltmeister Lahm mit seinem Rücktritt als Kapitän der Mannschaft) – und damit rechtzeitig aufhört, ohne dass ihm der Boulevard anderes als Lob und Anerkennung hinterher tragen kann. Vor allem ist die nun vorzeitige Pensionierung Raabs – so sie denn eine wirkliche wird – auch das Signal, dass selbst solche wie er irgendwann auch nicht immer auf dem hohen Leistungsniveau bleiben können. Raab geht und lässt die Erkenntnis zurück, dass weggehen auch eine richtige Entscheidung sein kann. Weg vielleicht in die hintere Reihe, zu seinen Hobbys, in die Nähe der Familie, in einen entspannten Tagesrhythmus. Bei aller Kritik an Raab – und die fiele nicht gering aus, wer vor allem Menschlichkeit im TV suchte – ist ihm eine gute Zeit zu wünschen und uns die Gewissheit, dass auch besondere Leistungsträger keine unendliche Geschichte schreiben.

Thema der nächsten Woche: Wieso das Smartphone die Vision nur eines Mannes war und der ständige Begleiter aller geworden ist: zehn Tipps zum richtigen Umgang mit dem alltäglichen Wahnsinn

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