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Leben durch Berührung

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Wie Taubblinde um ihren Platz in der Gehörlosenwelt kämpfen


Immer wenn er nachdenkt, nimmt Peter Hepp Haltung an. Er denkt oft nach. Früh morgens über den Inhalt der philosophischen Bücher, deren Buchstaben er im lichtdurchfluteten Wohnzimmer mit Hilfe eines starken Vergrößerungsgeräts entziffert. Tagsüber auf der Arbeit, wenn er mit all seiner Ruhe die Korbmöbel in der Werkstatt in Neckargemünd repariert. Abends, wenn es draußen dunkel wird und seine Freundin ausnahmsweise ohne ihn ausgeht.

In solchen Momenten winkelt Peter Hepp seinen linken Arm an, stützt sein bärtiges Kinn in die Mulde zwischen Zeigefinger und Daumen der linken Hand und erstarrt zu einem Bild. Dann ist es so, als stünde die Zeit still.

In solchen Momenten ähnelt der taube und blinde Mann Auguste Rodins Figur »Der Denker«. Bei ihm ist es keine Pose, sondern der Ausdruck eines Menschen, der seit Geburt gehörlos ist und sich seit sieben Jahren nicht mehr im Spiegel sehen kann, weil er mit 29 Jahren erblindete.

»Ich weiß, ich bin wie ein Mönch, der mit sich kämpft«, sagt Peter Hepp in der Gebärdensprache, seiner Muttersprache.

Obwohl er seine Gebärden nicht sieht, sind die Bewegungen der Hände so präzise, daß sie seine Lebensgefährtin Margherita Maisano und jeder, der die Gebärdensprache beherrscht, versteht. Will Margherita Maisano ihm dagegen etwas sagen, markiert sie Punkte auf der Hand ihres Freundes. Jeder leichte Druck bedeutet einen Buchstaben. Auch dieses Handtast-Alphabet, nach ihrem Erfinder Hieronymus Lorm »Lormsches Handalphabet« genannt, hat die hörende und sehende Margherita Maisano gelernt. Wenn sie heute ihrem Freund etwas lormt, so tanzen ihre Finger auf Hepps Hand. Das Lormen beherrscht die Logopädin wie kaum jemand sonst. »Als Deutsche italienischer Eltern bin ich es gewöhnt, die Kommunikationsform zu wechseln«, sagt sie und lormt den gesprochenen Satz in Peter Hepps Hand.

Das jahrelange Nachdenken über sich, die Taubblinden und ihre Welt blieb nicht privat. Peter Hepp tippte darüber auf der Blindentastatur seines Computers einen Aufsatz. Er lernte ihn auswendig und trug ihn zur Probe im kleinen Kreis vor.

Nun ist er nach Dresden gekommen, um seine Gedanken zum ersten Mal vor großem Publikum auf den 2. Deutschen Kulturtagen der Gehörlosen zu äußern.

»Taubblinde - kein Thema für Gehörlose?« steht im Programmheft. Der Präsident des Deutschen Gehörlosenbundes (DGB), Ulrich Hase, hat sich für diesen Vortrag eingesetzt. »Denn wir Gehörlosen wissen sehr wenig über Taubblinde und müssen uns erst selbst für das Thema sensibilisieren.« Ende des Jahres soll auf der Präsidiumssitzung des DGB über die Einrichtung eines Fachausschusses für Taubblinde beraten werden. Wer sein Sprecher wird, ist genauso offen wie die Frage, ob dem Ausschuß Taubblinde angehören werden.

Margherita Maisano führt ihren Freund Hand in Hand auf die Bühne des Festsaals. Peter Hepp, in Jeans und blauem Seidenhemd, wirkt locker und leger. Dort, wo die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth am Morgen ein Grußwort sprach, steht nun Peter Hepp. Damit die Gehörlosen auch in der 30. Reihe seine Gebärden sehen können, werden sein Oberkörper und Gesicht auf eine große Leinwand projeziert. Für die wenigen Hörenden unter den Besuchern übersetzt eine Dolmetscherin die Gebärdensprache des Taubblinden.

Rund 1 000 Gehörlose haben auf den gepolsterten Stühlen im großen Saal Platz genommen. Die wenigsten von ihnen kennen Taubblinde persönlich, kaum einer hat das Lormen gelernt. Allen ist klar: Taubblinde sind für Gehörlose das, was Gehörlose für Hörende sind: eine unbekannte Randgruppe. Lieber Zyankali nehmen als taubblind sein, sagen viele.

Daher beginnt Peter Hepp seinen Vortrag mit aufklärenden Informationen über Taubblinde. Er unterscheidet drei Gruppen unter ihnen.

Taubblind Geborene, für die das Tasten das Wichtigste ist;

Blindtaube, wie Hepp, vorläufig, ertaubte Blinde nennt, die das Sprechen gelernt haben;

und Taubblinde wie Hepp selbst, die sehbehinderte Gehörlose sind.

Alle drei Gruppen haben gemeinsam, daß das Lormsche Handalphabet ihre hauptsächliche Verständigungsform ist.

Peter Hepp nennt Ursachen der Erblindung von Gehörlosen: das Usher-Syndrom, das einen Gen-Defekt bewirkt; Unfälle, bei denen die Augen oder die Nerven beschädigt werden; Entzündungen, Tumore oder Stoffwechselstörungen wie Diabetes, Grauer und Grüner Star.

»Nur drei bis fünf von 100 Gehörlosen verlieren im Erwachsenenalter ihr Sehvermögen. Daher wissen Gehörlose kaum Bescheid über Taubblinde«, gebärdet Peter Hepp auf der Bühne, »in der Pädagogik gehört Taubblindheit traditionell zum Bereich der Blindenpädagogik. Die Blinden haben viel für uns getan. Wir kriegen etwa Zeitschriften in Blindenschrift und Lesegeräte. Für uns hochgradig sehbehinderte und erblindete Gehörlose bleibt jedoch trotz guter Versorgung durch das Sozialrecht weiterhin eine wichtigte Frage, ja ich möchte sagen Lebens-Frage offen: Will die Gehörlosengemeinschaft sich uns weiter als Heimat anbieten?«

70 Prozent der Deutschen wissen nach einer Emnid-Umfrage nichts über Taubblinde, setzt Hepp nach, Taubblinde seien quasi »unsichtbar« und würden zurückgezogen in Heimen und zu Hause leben. Die wenigsten üben einen Beruf aus, sind Masseure oder Korbflechter wie er. Menschen, die taub und blind sind oder werden, verschwinden einfach, gebärdet Hepp.

Er nennt Schicksale. Den gehörlosen Maler, der aufgrund seiner Blindheit seine schwerkranke Frau nicht mehr zum Arzt bringen kann und sich dafür schämt. Die junge Frau, die sich ins Elternhaus zurückzieht, weil sie als blinde Gehörlose nicht mit ihren alten Freunden plaudern kann. Den gehörlosen Junggesellen, der mit Ende 30 erblindet, die Laut- und Schriftsprache nicht beherrscht, daher das Tastalphabet nicht lernt, aggressiv wird und per Gesetz in die Psychatrie abgeschoben wird. Den begeisterten gehörlosen Skatspieler, der nach seiner Erblindung vom Gehörlosen-Skatverein zum Blinden-Skatverein wechselt, weil es den Gehörlosen zu lange dauert, wenn der Taubblinde die Karten abtastet.

Peter Hepp klagt nicht an. Er teilt den Gehörlosen seine Freude darüber mit, daß Taubblindheit ein großes Thema auf den Kulturtagen ist. Und er nennt zwei Beispiele für das gelungene Zusammensein von Gehörlosen und Taubblinden. Den Gehörlosenverein Ulm, bei dem Gehörlose wegen ihres Mitgliedes Peter Hepp das Lormen gelernt haben, und das gehörlose Ehepaar aus Hessen, das sich um einen Taubblinden aus der Nachbarschaft kümmert und mit ihm auf dem Tandem fährt. »Das sind kleine Lichtblicke«, gebärdet Hepp.

Mit einem Zitat von Romano Guardini endet der Vortrag: »Schön und groß ist die Sprache der Hand. Gott hat sie uns gegeben, daß wir die Seele darin haben.«

Alle heben die Arme und schütteln die Hände. Diese Gebärde ist das Zeichen für Applaus. Die Gehörlosen sind begeistert von Hepps Vortrag, durch die Reihen geht eine Welle der Emotion.

Sieben Gehörlose gehen auf die Bühne, um Fragen zu stellen und den Vortrag zu kommentieren. Thommy etwa dankt Peter für den Vortrag und sagt der Gehörlosengemeinde: »Wir sollten in Zukunft unseren Kindern das Lormen beibringen.«

An einem Stand im 2. Stock des Kulturpalastes wird die vorsichtige Annäherung fortgesetzt. Dort verkaufen fünf Taubblinde Kaffee, Tee und Wasser. Um zu bestellen, müssen die Gehörlosen ihre Bestellung in die Hände der Taubblinden lormen. Wie sie das machen müssen, sehen sie auf Schaubildern mit dem Lormschen Handalphabet oder wird ihnen von den sehenden und hörenden Begleitern der Taubblinden gezeigt. Wer Kaffee bestellen will, tippt mit vier Fingerspitzen in die Mitte der Hand, für das K, berührt die Daumenspitze, für das A, drückt Zeige- und Mittelfinger zusammen, für das F, und tippt zum Schluß zweimal auf die Kuppe des Zeigefingers, für die beiden E.

Einem Gehörlosen in Lederhose dauert das zu lange. Er gebärdet dem Begleiter des Taubblinden, was er will, anstatt dem Taubblinden seinen Wunsch in die Hand zu lormen.

In den drei Tagen erhalten die Taubblinden Einladungen für Vorträge und führen viele Gespräche abseits des »Cafés Taubblind«. Peter Hepp soll sogar eine Art Lehrbeauftragter in der Ausbildung von Gebärdensprachdolmetschern werden. Ein Anfang ist gemacht. In Augenblicken derEuphorie haben die Taubblinden das Gefühl, den Kampf um ihren Platz in der Gehörlosenwelt gewinnen zu können.

Mit erfüllten Gefühlen fahren Peter Hepp und seine Freundin zurück nach Neckargemünd, einem beschaulichen Städtchen bei Heidelberg. Mit einem solchen Interesse hat das Paar, das dort in einer Dreizimmerwohnung zusammenlebt, nicht gerechnet. Jetzt hat mancher Gehörloser den Vorsatz getroffen, das Lormen zu lernen. Doch genauso sicher ist es, daß Peter Hepp und andere Taubblinde noch viel Aufklärungsarbeit nicht nur unter Gehörlosen leisten müssen.

Peter Hepp erzählt in der Woche nach Dresden seinem besten Freund, einem Hörenden, von den Kulturtagen. Wäre es doch so einfach wie zwischen den beiden. Lormen ist nicht schwer!

Einen Bundesbeauftragen für Taubblinde im Gehörlosenbund fordert Peter Hepp. Jemanden, der endlich Taubblinde zusammenbringt mit Gehörlosen und Taubblindheit zum Thema in der Gehörlosenpädagogik macht.

Doch die Gehörlosenwelt in Deutschland, die selbst erst auf dem Weg ist zur Anerkennnung der Gebärdensprache, ist schwach. Wie den noch Schwächeren helfen?

Vorerst wird Peter Hepp weiter Korbmöbel flechten, Margherita Maisano weiter Sprachstörungen beheben. Sie wird weiter im Trommeln unterrichtet werden und zu solcher Musik mit ihm tanzen. Sie werden weiter versuchen, Mißverständnisse abzubauen, auch dieses, daß sie nicht die Betreuerin von ihm ist, sondern seine Partnerin.

Das Außergewöhnliche an ihnen beiden sei, sagen sie, daß sie so normal seien. Sie gehen ins Kino und schauen sich »Cinema Paradiso« an; sie, die Praktikerin, holt ihn, den Denker, raus aus Wolkenkuckucksheimträumen; er, der so gerne liest, erzählt ihr von großen Fragen und den kleinen Antworten. Er geht jeden Morgen vor sieben Uhr allein den einen Kilometer zur Arbeit, in der Hand den ausgestreckten weißen Blindenstock. Sie schläft länger als er, weil sie zur Praxis nur die Straße zu überqueren braucht.

Manchmal kommt es ihnen so vor, als wären die anderen behindert. Darüber reden Peter Hepp und Margherita Maisano viel. Sie gehen im Odenwald spazieren und riechen den herbstlichen Duft der Tannen.

Jetzt, wenn die Hände zu kalt werden und schmerzen, zieht sich das Paar Handschuhe über und verzichtet auf das Lormen. Verstehen tun sie sich dennoch.

Sie ertasten ihre Gebärden ganz nah am Körper.

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