Wenn die Kinder eines Schulversuches an der Hamburger Samuel Heinicke-Gehörlosenschule am Ende der ersten Klasse auf Löwenjagd gehen, artikulieren sie ihre Begeisterung mit ausgelassener Mimik und einem für sie lautlosen Klatschen der Hände. Das Thema könnte in jeder ersten Klasse angesiedelt sein. Hier, in dem Klassenraum an der Hammer Straße, sagen die Kinder nicht »Toll« oder »Super« zum Lernspiel, sondern zeigen durch ihren ganzen Körper, daß sie bereit sind, durch ein imaginäres Tor den heimischen Garten zu verlassen, um Löwen jagen zu gehen. Die gehörlose Lehrerassistentin Jutta Schwarz fragt in der Deutschen Gebärdensprache (DGS), was die Kinder für die Löwenjagd brauchen, und Thomas überlegt nur ganz kurz, um zu antworten, daß, natürlich, ein Kompaß notwendig wäre, um sich in den Weiten der Steppe zurechtzufinden. Die Lehrerin Verena Thiel-Holtz, gut vorbereitet, hält eine Bild- und Wortkarte bereit für den Begriff Kompaß, und Jutta Schwarz gebärdet ihn. So lernen die Kinder spielerisch, sich sowohl die richtige Gebärde für Kompaß einzuprägen, als auch den Begriff in ihren Schrift- und Bildwortschatz aufzunehmen. Dann geht´s über eine Wiese, einen Sumpf, einen Fluß zur Höhle, wo die Löwen sind. Unter einer Decke schließlich finden die Kinder einen Löwen und tasten ihn ab. Ein ungefährliches Unternehmen – der Löwe ist aus Stoff.
Was die Lehrerinnen in diesem Klassenraum machen, ist bilingualer Unterricht für gehörlose Kinder. In einem bundesweit einzigartigen Schulversuch an der Samuel Heinicke-Schule bereiten zwei Gehörlosenlehrerinnen und nunmehr zwei gehörlose Lehrerassistentinnen zwölf Kinder auf das Leben in zwei Welten vor, der Welt der Hörenden und der Welt der Gehörlosen. Die Gebärdensprache steht gleichberechtigt neben der Lautsprache.
Der Versuch ist umstritten. Drei Jahre hatte es gedauert, ausgehend von einer Eltern-Initiative, bis im August vor zwei Jahren der Schulversuch mit zuerst drei Kindern beginnen konnte. Um den Schulversuch gab es Streit unter Eltern gehörloser Kinder, mit der Schulleitung und Lehrern. Die Auseinandersetzung füllt einen Leitz-Ordner, und so nimmt es nicht wunder, daß Eltern für den Schulversuch sogar vor dem Schulgebäude demonstriert haben. Die Kluft zwischen Anhängern und Gegnern des Schulversuches durchzieht zwei traditionell sich gegenüberstehende Lager. Die Gegner verfechten energisch die in Deutschland bis heute vorherrschende orale und hörgerichtete Lehrmethode, mit der die Kinder in die Welt der Hörenden in jahrelangem Artikulationsunterricht mit Hör- und Sprechübungen aufgenommen werden sollen. Für die Oralisten steht die Integration an erster Stelle. Die Anhänger des bilingualen Unterrichtes bestreiten den Sinn des oralen Unterrichtes nicht völlig; sie halten ihn nur für einseitig, denn selbst die Oralisten schätzen, daß nur etwa ein Viertel der Kinder, die in der oralen Methode unterrichtet werden, die Lautsprache für ihre hörenden Mitmenschen verständlich erlernen. Diese Zahl sei zu klein, um die orale Methode ausschließlich zu befürworten. Auch geht mit der oralen Methode ein Wissens-Defizit einher, weil das Sprechen vor dem Wissenserwerb steht. Daher plädieren die Anhänger für den zweisprachigen Unterricht an den Gehörlosenschulen. Sie wollen den Kindern die Laut- und die Gebärdensprache beibringen, da nicht Sprechen, sondern eine eigene (Gebärden)-Sprache Denken, Identität, ein selbstbewußtes und persönlichkeitsstarkes Leben ermöglicht.
Die Gebärdensprache hat sich längst zu einer kompletten Sprache entwickelt, mit der sich mathematische Formeln ebenso rechnen wie der Freundin die schönsten Liebessätze sagen lassen. In Skandinavien kommt die Gebärdensprache zu ihrem Recht. Dort ist das bilinguale Schul- das Regelmodell. In Deutschland hingegen kämpfen die Befürworter der Gebärdensprache mit ihren starken Gegnern immer noch um Anerkennung. Es ist ein Streit zu Lasten der Gehörlosen.
Der französische philosophe Abbé de l'Epée lernte vor zwei Jahrhunderten, zur Zeit der Aufklärung, von den bettelarmen Gehörlosen, die durch Paris streiften, eine bescheidene, selbstentwickelte Gebärdensprache. Erstmals hörte ein Gelehrter den Gehörlosen zu. Das hatte bis dahin kaum ein Hörender getan. L'Epées System der »methodischen Gebärden« mischte die Gebärden der Gehörlosen mit einer französischen Gebärden-Grammatik. Schüler schrieben auf, was Übersetzer sie aufschreiben ließen. Diese Methode war so erfolgreich, daß gewöhnliche gehörlose Schüler zum ersten Mal Französisch lesen und schreiben und in die Erfahrung einer Erziehung kommen konnten. L'Epées 1755 gegründete Schule war die erste, die staatlich unterstützt wurde. Er bildete zahlreiche Gehörlosenlehrer aus, die ihrerseits, als er im Revolutionsjahr 1789 starb, 21 Gehörlosenschulen in Frankreich und anderen europäischen Ländern gegründet hatten.
Ein tiefgreifender Umschwung fand statt. Die bislang Ausgegrenzten wurden aufgenommen in die Gemeinschaft der Bürger. In dieser Zeit, die sich in der Geschichte der Gehörlosen wie ein Goldenes Zeitalter ausnimmt, wurden überall Gehörlosenschulen gegründet, an denen zumeist gehörlose Lehrer unterrichteten. Nun konnten Gehörlose Schriftsteller, Ingenieure, Philosophen, Intellektuelle werden, mit der Gebärdensprache als eigene erste Sprache und der jeweiligen Landessprache als Fremdsprache.
Doch dann, in der Prüderie, der Unterdrückung und der Rückbezogenheit des viktorianischen Zeitalters, kehrte sich diese Entwicklung um. Die Gegenbewegung verdammte Minderheiten, und damit auch die Minderheit der Gehörlosen. Sie sollten sprechen lernen. Auf einem Kongreß der Gehörlosenlehrer, der 1880 in Mailand stattfand und bei dem gehörlose Lehrer kein Stimmrecht besaßen, siegte der Oralismus. Der Gebrauch der Gebärdensprache an den Schulen wurde verboten. Gehörlosen Schülern war es nicht mehr gestattet, ihre eigene natürliche Sprache zu verwenden. Sie mußten von nun an lernen, sich der für sie unnatürlichen Lautsprache zu bedienen und sie in Dutzenden von Wochenstunden unter nicht einfachen Bedingungen anzueignen. Eine Folge: Gehörlose Schüler wurden nicht mehr von gehörlosen, sondern nur noch von hörenden Lehrern unterrichtet. Lag der Anteil an gehörlosen Lehrern in den Vereinigten Staaten noch 1850 bei einem Drittel, sank die Zahl nach dem Mailänder Kongreß stark ab. 1960 waren nur zwölf Prozent gehörlose Lehrer an Gehörlosenschulen in den USA beschäftigt, in der Bundesrepublik sogar keine.
Die orale Methode aber hält nicht, was sie verspricht. Sie führt zu einer Verringerung der Lernleistungen gehörloser Kinder und der Bildung Gehörloser im Allgemeinen. Die Kinder werden von morgens bis abends therapiert, sagen Gegner der oralen Methode, Taube spielen Hörende.
Die gehörlose Sozialpädagogin im Anerkennungsjahr Angela Staab, welche die deutsche Gebärdensprache an der Samuel Heinicke-Schule in Hamburg lehrt, war bis zu ihrem siebten Lebensjahr mit dem oralen Konzept aufgewachsen. Da sie in der Provinz lebte, wäre der Weg in einen Sonderkindergarten zu weit gewesen. Sie blieb lange ohne Anleitung in der Gebärdensprache. Als Angela Staab dann in die erste Klasse einer Gehörlosenschule kam, war das Gebärden, das die Kameraden pflegten, für sie ein »Schock«, wie sie heute sagt. Heimlich lernte sie auf dem Schulhof die Gebärden, hinter dem Rücken der Oralisten. So war die Gebärdensprache über Jahrzehnte weitergegeben worden. Angela Staab empfand später, wie viele andere Gehörlose auch, »Reue« über das späte Erlernen der Gebärdensprache. Sie hatte das Ablesen der Lautsprache von den Lippen gelernt, doch sagt sie, daß damit nur ein Drittel der Worte erkannt werden können. Der Buchstabe »g« ist zum Beispiel mehr als leicht mit dem »k« zu verwechseln. »Wer nur mit der oralen Methode aufwächst«, sagt die Sozialpädagogin, »wird zum Sprachkrüppel, weil er mit nur einer Sprache heranwächst, die für ihn zudem verkrüppelt ist – der Lautsprache, die er nicht beherrscht.«
Die zwölf Kinder in der ersten und zweiten Klasse des Hamburger Schulversuchs kommunizieren den ganzen Tag über. Sie lachen, erzählen vom Wochenende, hinterfragen viel und sind hellwach. Sie sind wie hörende Kinder, nur daß ihre Sprache die Gebärdensprache ist. Auch im Artikulationsunterricht und der Hörerziehung sind sie entgegen der Befürchtungen der Gegner des Versuches mit Engagement dabei, das Sprechen und bei einigen Kindern auch das Hören zu erlernen. Die Kinder und die Lehrer sind nicht mehr auf die lautsprachbegleitende Gebärde (LBG) angewiesen, ein Hilfssystem zur Visualisierung der Lautsprache, das aus Not über eine fehlende Verständigung zwischen Lehrern und Schülern vor zehn Jahren auch an der Samuel Heinicke-Schule eingeführt wurde. Die Eltern der Hamburger Kinder haben sich für die zweisprachige Erziehung entschieden und bekommen damit die Möglichkeit, ihren Kindern eine altersgemäße intellektuelle Entwicklung zu ermöglichen. Diese Kinder werden nicht den Frust erleben, als junge Erwachsene, die mit der oralen Methode aufgewachsen sind, in einem Sportverein oder unter befreundeten Gehörlosen ohne Sprache und damit stumm zu sein. Der Schulversuch ist bis 1999 gesichert.
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