PPR-NEWS

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KW 40/2017

Der Ton macht die Musik: Wie wir in Deutschland und Europa in Gefahr sind, den Anstand der Sprache zu verlieren

Schaffen Worte Gefühle oder Gefühle Worte?

Im Grunde es ist ganz einfach, das Fach Psycholinguistik zu verstehen. Wer einen Menschen mag, sagt es ihm und er wird vielleicht gemocht werden. Wer einen Menschen beleidigt, wird vermutlich abgelehnt werden. Wer einen Menschen bedroht, wird sehr wahrscheinlich bedroht werden. Sprache, so eine der Kernaussagen des nur scheinbaren Orchideenfachs der Germanistik, der Psycholinguistik, schafft Wirklichkeit und damit Gefühle, Stimmungen und Haltungen, die ohne die Worte, die davor gesagt worden waren, häufig nicht vorhanden waren. Wer sich in Deutschland umhört, im Radio, wer Zeitungen liest und wer im TV hört, was dort gesagt wird, kann seinen Ohren nicht mehr trauen. Sei es in der Politik, im Unterhaltungsgeschäft, in der Nachbarschaft oder während des Bundestagswahlkampfes 2017 bei den sich äußernden Personen der rechtsextremen Partei AfD, stets erscheint es so, ohne dass mir dazu eine Studie bekannt ist, dass die Eskalationsspirale der Wörter in Deutschland, und nicht nur dort, stark an Fahrt aufgenommen hat.

Katalonien – das Beispiel dafür, dass nach dem Konflikt der Worte der tatsächliche Konflikt kommt

Wer in diesen Tagen nach Spanien schaut, erkennt, wie sehr Sprache Wirklichkeit schafft. Wer vor Jahren die Frage stellte, ob das Bundesland Spaniens, Katalonien, seine Unabhängigkeit will, erfuhr bereits damals, dass es dazu sogar in den Familien verschiedene Meinungen gab, die die Familienmitglieder trennten und die dort damals gleichwohl eher akademisch ausgetauscht wurden. Wer seitdem von Spanien hört, liest und sieht, stellt parallel zur faktischen Entwicklung bis zur geplanten Ausrufung der Unabhängigkeit fest, dass allein das Wort »Unabhängigkeit« eine Dynamik im Bewegung gesetzt hat, die nun zu einem gefährlichen Zustand mitten in Europa geführt hat, der Lostrennung im Konflikt und vielleicht in Gewalt von Madrid. So meldet die FAZ, dass inzwischen, nach dem Streit, dem Kampf um die Worte, der Regierungschef Spaniens und der Regierungschef Kataloniens überhaupt nicht mehr im Gespräch miteinander sind. So hat die Steigerung der Wut in Worte dazu am Ende geführt, dass zwei Parteien, zwei Bereiche und zwei Menschen überhaupt nicht mehr in der Lage sind, miteinander zu reden: Nach all der Härte in den letzten Jahren, auch das ist eine Erkenntnis der Psycholinguistik, folgte das Schweigen. Und das Nichtreden miteinander in der Folge ermöglicht erst die Veränderungen der Wirklichkeit, die davor im Grunde wohl kaum einer der Akteure je gewollt hatte. Was tun? Miteinander reden, als redete man so, wie man es sich selbst wünscht, dass zu einem gesprochen wird. »Ich schätze dich« heißt dann im übertragen Sinne auch: »Ich will Frieden.«

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